Das Wohnzimmer wirkt noch kahler, als es eh schon war. Möbelstücke liegen demontiert an der Seite oder hinterlassen Lücken, nachdem ich sie entsorgt habe. Mein Umzug von Berlin nach Kiel steht bevor. In vier Wochen bin ich hier weg. Meine Wohnung in der Leipziger Straße löst sich langsam auf, denke ich und lenke meinen Blick vom Zimmer ab. Stattdessen wandert mein Fokus zu Maya, die frühstückt. Maya liebt Toast mit Ovomaltine Crunchy Cream. Beherzt beißt sie in ihr weißes Toast, welches sie nur bei mir bekommt. Ihr Papa verweigert ihr diese ungesunde Kost. Zu Recht muss ich gestehen. Als Wochenend- oder genauer ausgedrückt als – Ab-und-zu-mal-sehen-Mama – darf ich das jedoch. Wenn ich mich nun schon sooft nach meiner Kleinsten sehne, möchte ich sie an den Tagen unseres Beisammenseins etwas verwöhnen.

Ich streichle Maya über den Kopf, lächle sie an und frage, ob sie sich auf ihren Bambinilauf freut. Nach ihrer Premiere beim Avon Frauenlauf war ich großer Hoffnung, ihr Läufer-Gen geweckt zu haben. Die Ernüchterung folgte allerdings auf dem Fuße. Meine Kleine sitzt nur mäßig begeistert am Tisch und erzählt wiederholt, dass sie nicht so recht Lust verspürt zu laufen. Ich lasse mir meine Enttäuschung nicht anmerken und gebe stattdessen Parolen nach dem Motto heraus, der Spaß und die Freude kämen vor Ort. Ganz an den Haaren herangezogen ist das nicht. Bei mir gab es in der Vergangenheit auch den einen oder anderen Wettkampf, dem ich anfangs eher skeptisch oder ohne Lust gegenüber gestanden hatte. Danach war immer alles gut.

Am frühen Samstagmorgen machen Maya und ich uns auf den Weg zum Lichtenauer Wasserlauf. Die Sonne scheint bereits in voller Pracht sehr warm vom Himmel, mit 32 Grad Höchsttemperatur wird es heute ein Sommertag, wie er im Bilderbuch steht. Es ist nur ein kurzer Weg mit den Berliner Öffentlichen von Stadtmitte bis Bahnhof Bellevue. Von dort gehen wir ein Stück parallel zur Spree, am Bellevue-Ufer entlang. Maya will genau wissen, wo der Lauf stattfindet und ob es so sei wie bei dem anderen Bambinilauf. Ihre Neugier und Wissbegierigkeit sorgen dafür, dass ich keine Minute Ruhe habe. Wenn ich nicht sofort mit Fakten und Daten antworten kann, schaut sie mich streng an, während sie sich mit der Hand gegen die Sonneneinstrahlung schützt. »Keine Ahnung«, sage ich zu ihr. Manche Frage kann ich echt nicht beantworten. »Lass Dich überraschen«, gebe ich achselzuckend zurück. Maya knurrt unzufrieden.

Wir sind da. Sogleich suchen wir die Umkleidemöglichkeiten in der nahe liegenden Grundschule auf. Startnummer und Laufshirt hatten wir am Tage zuvor beim Sportverein ABC Zentrum e.V. abgeholt. Zum Umziehen gibt es die Damentoilette oder den Flur in der ersten Etage. Die Wahl überlasse ich Maya. Das dunkelblaue Event-Shirt zieht sie sich über. Mit großen weißen Buchstaben steht auf dem Rücken: Ab durch die Mitte, danach schlüpft sie in eine blau karierte Hose. Dabei schimpft sie, dass sie doch gesehen werden könnte. Ich zucke nur mit den Schultern. Schließlich zieren sich Sportler nicht. Aber klar, Maya empfindet das ganz anders. So gut es geht, versuche ich, sie vor eventuellen Blicken zu schützen. Dafür schenkt mir meine Kleine einen dankbaren Blick. Sie gefällt mir, wie sie nun so vor mir steht. Ihre blonden Haare bilden einen starken Kontrast zur dunklen Kleidung. Hm, leider ist es draußen bereits sehr warm, da ist Blau echt ungünstig


Hey, es sind nur 800 Meter, 200 Meter weniger als im Mai. Das packt meine Süße locker, denke ich. Maya wendete ihren Blick bereits auf eine große Tafel, auf der Briefe an Anne Frank geheftet sind. SchülerInnen dieser Grundschule haben sie geschrieben. Meine Kleine möchte wissen, wer Anne Frank ist und warum die Kinder Briefe an sie geschrieben haben. Eine einfache Frage. Eine einfache Antwort darauf zu geben fällt mir jedoch schwer. Verzweifelt versuche ich leise und mit wenigen Worten zu erklären, was für ein grausames Schicksal Anne und ihrer Familie widerfahren war. Maya schaut mich ungläubig an. Ja, wie soll eine Achtjährige das auch verstehen. Ich bin ein wenig hilflos und bemüht, das Thema zu wechseln. Mit der Bitte, meine kleine Läuferin fotografieren zu dürfen, lenke ich sie ab. »Na gut, Mama«, stimmt Maya zu. Fotografieren ist nicht so ihr Ding. Ein, zwei Schüsse darf ich tätigen. Mal sehen, wie das mit den Fotos in ein paar Jahren aussieht, denke ich so bei mir.

Die Fotos sind gemacht, Maya startklar. Es kann losgehen. Wir tippeln die Treppe hinunter, nach draußen. Hier steppt der Bär. Nach einem Aufwärmprogramm für die Kids stellen sich diese auf der Startlinie auf. Benjamin Blümchen in Lebensgröße, etwas abseits, winkt schweigend. Einige Kinder winken zurück. Maya steht in der zweiten Reihe der Starter und wartet geduldig auf den Beginn des Laufes. Ab und zu treffen sich unsere Blicke. Dann lächeln wir uns an und winken zurückhaltend. Maya ist angespannt. Von der Seite aus kann ich den Start gut verfolgen. Die Kids rennen los. Staub wirbelt auf. Benjamin Blümchen steht immer noch da und winkt. Ein kleines Mädchen läuft im direkt vor die Füße und erschreckt sich. Fast kreischend bleibt sie plötzlich stehen, dreht sich um und rennt zurück zum Startpunkt. Oh je. Benjamin Blümchen schaut ihr nach. Seine Fassungslosigkeit ist durch sein unbewegliches Gesicht trotz allem zu spüren. Armes Mädchen. Armer Benjamin. Was wohl Otto dazu sagen würde und Frau Kolumna, dass ein Kind vor ihm schreiend wegläuft.


Maya stattdessen ist auf dem Weg. Nachdem ich sie aus den Augen verloren habe, suche ich mir ein kleines schattiges Plätzchen und warte darauf, sie wieder zu sehen. 800 Meter sind eine kurze Strecke. Die Vorfreude auf sie wird nicht lange anhalten. Nach wenigen Minuten erreichen die ersten schnellen Teilnehmer die Zielgeraden. Suchend wende ich meinen Blick in die Ferne. Es dauert. Nun ja, Maya ist eben kein Lauftalent, so viel steht fest, denke ich ein bisschen traurig. Im Stillen hatte ich gedacht, sie kann sich fürs Laufen begeistern und würde dann in dieser Disziplin „rocken“. Tja, Mamaträume … Squash und Bouldern, was sie mit Papa oft macht, sind wohl eher ihr Ding.

Maya kommt um die Ecke gerannt. Mit hochrotem Kopf kämpft sie sich die letzten Meter zum Ziel. Mein Winken und rufen nimmt sie, kurz lächelnd, wahr. Mein Herz hüpft trotz aller Ernüchterung vor Freude und Stolz, während sie auf die Zielgerade einbiegt und wenige Sekunden später angekommen ist. Ich wurschtle mich durch die Menge, um meine tapfere Läuferin in die Arme zu schließen. »Mama!«, ruft ein kleiner tomaten-roter, zerzauselter Blondschopf mir zu, während die Arme hochgerissen werden. »Maya!«, rufe ich glücklich zurück. »Du hast es geschafft Süße. Ich bin so stolz auf Dich!«, schmettere ich ihr entgegen. Mit einem zarten Lächeln zeigt mir meine Tochter ihre silberne Medaille, die ihr soeben überreicht worden war. »Es war so heiß Mama. Ich muss unbedingt etwas trinken!«, entgegnet Maya. Ich streiche ihr die nassen Haarsträhnen aus der Stirn, gebe ihr einen Kuss und reiche ihr eine Flasche Wasser. Sogleich setzt sie an und nimmt einen großen Schluck. »Ich will nach Hause. Mir ist so heiß, Mama«, quält sich Maya heraus.


Bevor wir uns auf dem Weg machen, darf ich von meiner Kleinen noch ein Finsher-Foto machen. Mit ein wenig Stolz stellt sie sich auch in Pose. Trotzdem habe ich das Gefühl, Maya mit solchen Läufen nicht mehr behelligen zu können. Wir lassen sogar noch die Zielzeit auf die Medaille gravieren (4 Minuten und 12 Sekunden), da nach einigen Minuten die Qualen des Laufes vergessen sind. Es gibt noch Bratwurst und Eis, als Belohnung für die Strapazen. Danach gehen wir beide entspannt und vergnügt nach Hause, um noch ein wunderschönes Wochenende zu erleben. Bald sind Sommerferien und wir sind zwei Wochen am Stück zusammen, bei Marc in Südbaden. Während dieser Zeit wäre noch einmal ein Bambinilauf in Bad Säckingen. Aber das ist eine andere Geschichte

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