Was konnte ich von einem zehn Kilometer Lauf erwarten, den ich bereits zum siebten Mal lief? Im Grunde nichts, oder? Eine kurze Retrospektive der bisherigen Läufe beim Avon Frauenlauf:

2009 – der Emotionale. Es war mein erster Lauf ever. Unbeschreiblich schön. Zeit 1:01:35.

2011 – der Entspannte. Nach meiner Babypause, zusammen mit meiner Mami und meiner ältesten Tochter Géraldine, sie damals 15 Jahre jung. Meine Zielzeit: 01:05:45.

2012 – der Verblasste. Trotz super Zeit von 57:04 erinnere ich mich kaum an diesen Lauf.

2013 – der Enttäuschende. Den Lauf habe ich nicht laufen können, verletzungsbedingt. Bis heute erinnere ich mich an die Traurigkeit darüber, nicht starten zu können.

2014 – der Dramatische. Die Zeit von 57:36 war nicht das Problem. Es war mein körperlicher Zustand während des Laufes. Ein Wendepunkt in meinem Läuferleben. Danach wurde alles anders, es wurde professioneller und damit viel besser.

2015 – der Familiäre. Alle waren sie dabei, mein (Ex)-Mann, meine drei Töchter, inklusive eines Freundes. Geile Zeit mit 51:51.

2016 – der Schnellste. Meine Zeit von 50:37 war lange das Beste auf zehn Kilometer. Ein Traum.

Wenn somit alles auf zehn Kilometer gelaufen und erlebt wurde, warum wiederholen, was nicht zu wiederholen ist? Die Antwort lautet, Abschied. Die Sehnsucht nach Melancholie, Retrospektive und Nostalgie. Ich bin ein Mensch, der sich gern lange, ausgiebig und wehmütig verabschiedet, wenn es um sein Inneres geht. Mir immer wieder Plätze, Orte, Szenen, Menschen und damit verbundene Emotionen ins Gedächtnis und ins Herz zu rufen, ist bei mir existentiell, wie atmen und schlafen. Ohne geht es nicht. Den endgültigen Abschied von Berlin, als meinen Lebensmittelpunkt, durchlebte ich immer und immer wieder seit meinen beruflichen Weggang Mitte April zweitausendachtzehn, egal in welchem Bereich. Ging es nun um meine Freunde, meine Familie, Orte die mir wichtig waren oder Läufe. Ein Abschied zog den Nächsten nach sich. So war es auch bei diesem so wichtigen Lauf, mit dem zweitausendneun alles begonnen hatte.

Meine jüngste Tochter Maya genoss ihren Abend mit Oma und Onkel, nachdem sie mit Bravour ihren Bambini Lauf über die Runden gebrachte hatte. Ich war so stolz und gerührt. Nach ihrem Zieleinlauf spazierte ich mit Ruhe in die Leipziger Straße, warf mir meine Laufklamotten über und ging zurück zum Brandenburger Tor.


Das Leben tobte hier in weiterhin vollen Zügen. Unzählige Frauen waren am Start zum Avon Frauenlauf. Ihre koralle farbenen Laufshirts schwirrten durch das Event-Gelände. Dazwischen bunte Luftballons. Laute Musik gab dem Ganzen den Anschein eines Jahrmarktes. Seit Jahren genoss ich das Eintauchen in diese Welt. Allein war ich hier nie. Ich war Teil eines Ganzen, Großen. 18 Uhr war mein Start. Oft hatte ich hier mit Herzpochen gestanden, aufgeregt dem Startschuss entgegengefiebert. Heute war es mir im Grunde egal. Ich blinzelte in die Sonne am Himmel und lächelte in mich hinein. Ob ich noch einmal die Strecke rocken sollte? Schnell laufen, ohne mich zu übernehmen. Mit Spaß meine läuferische Grenze ausloten und dann glücklich nach Hause gehen, um Maya in die Arme zu schließen? Jup! Das klang nach einem sehr guten Plan. Kurz noch ein Foto … so lächeln … und ab, an Marc senden … der mir die Daumen drückte und wartete, wie ich über die Runden kommen würde.


Startschuss ! Zur Siegessäule hin entfaltete sich unser Läuferinnenfeld, ließ diese rechts liegen und bog in den Tiergarten ein. Ein langer Strom von koralle farbenen Shirts floss von nun an durch den Tiergarten. Tausende Füße wirbeln Staub von den sandigen Wegen auf. Links und rechts der Strecke standen kleine und große Kinder, die ihre Mütter und Großmütter anfeuerten, Väter und Männer bejubelten ihre Töchter und Frauen. Die Samba Bands sorgten für Gänsehaut, wenn wir an ihnen vorbei liefen. Zweimal zogen wir an der Siegessäule entlang, auf den vielen großen und kleinen Wegen des Tiergartens entlang, zum Brandenburger Tor hin, um beim zweiten Passieren dem Ziel entgegenzulaufen. Hier tobten die Massen am Rande. Ein Moderator rappte die Namen der Läuferinnen ins Mikro, während er und eine Gruppe von coolen Tänzern um uns herum wirbelten. Was uns das Gefühl gab, echte Stars zu sein. Mit erhobenen Händen und einen Gruß in den Himmel erreichte ich nach 56:29 Minuten das Ziel. Mit Sonne strahlte ich dabei um die Wetter. Was für ein geiler Lauf! Schnell, nur mittelmäßig fordernd und wunderschön zugleich. Ein perfekter Auftritt, um Berlin läuferisch goodbye zu sagen!


Am nächsten Morgen schauen Maya und ich uns stolz unseren Mediallen und Urkunden an, erzähen dazu Geschichten, schwärmen, lassen Träume tanzen und sind für diesem Moment glücklich. Bis es am Nachmittag wieder heißt, Abschied zu nehmen. Maya geht happy zurück zu ihrem Papa nach Hause. Ich fahre schweren Herzens nach Kiel und träume noch ein wenig …

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