Maya mag die Sonne nicht. Sie hält ihre Hand vors Gesicht und schaut uns darunter verkniffen an. Maya hasst es, wenn sie fotografiert wird, noch mehr wenn sie dabei gegen die Sonne schauen muss. Meine Mama lässt es sein, sie fotografieren zu wollen. Dafür ist später noch Zeit, meint mein Bruder. Recht hat er. Wir verabschieden uns für den Moment von beiden. Ich nehme Maya fest an die Hand und bahne mir einen Weg durch die bunte Masse an kleinen Mädchen und Jungen, die bei ihren Eltern stehen und ebenso wie Maya am Bambini Lauf des Avon Frauen Laufes teilnehmen wollen (oder müssen). Es ist ein warmer Mai-Nachmittag in Berlin. Die Sonne scheint prall auf den Asphalt des 17. Junis, der voller Menschen, Buden, Stimmen, Musik, Luftballons und Emotionen ist. Vor zehn Jahren hatte ich hier meine Laufpremiere. Ein Event welches sich auf ewig in meinen Kopf und mein Herz gebrannt hat. Heute starte ich hier wieder. Aber, zuvor läuft meine Tochter Maya ihren allerersten Bambini Lauf. Jetzt und hier ist sie der Mittelpunkt.

Es war nicht schwer sie davon zu überzeugen, an diesem Lauf teilzunehmen. Wahrscheinlich waren es die vielen Erzählungen von meinen Läufen, vielleicht auch die Medaillen oder Fotos, die ein buntes und frohes Bild eines solchen Ereignisses zeichneten, so dass sie gar nicht widerstehen konnte. Ach ja, da fällt mir ein, es war die Antwort auf ihre Frage, ob sie eine Medaille bekommen würde. „Ja Maya, jeder erhält eine Medaille“ hatte ich ihr geantwortet. Damit war es beschlossen.

Nun steht sie an meiner Seite, schmiegt sich an mich und betrachtet aufmerksam ihre Umgebung. Unzählige Kinder- vom kleinen vorbehaltlosen Stöpsel, über den ängstlichen Hasen hin zum routinierten Mini-Läufer-Ass ist alles vertreten. Dazwischen die dazu passenden Eltern oder zumindest ein Teil davon – Typ: der ständig am Kind zupfende und festhaltende Helikopterflieger, sexy sportlich Typ, welcher selbst läuft und sein Kind im Auge behält, während es in der Startzone wartet, der lässig bis trashy Öko-Typ der akzeptiert, dass sein Kind unbedingt an dieser Massenveranstaltung nehmen möchte, oder die Couch-Potato, welche sich durch die sportliche Betätigung seines Kindes besser fühlt.

Heute wird Maya eintausend Meter zu bewältigen haben. Viele Male versuchte sie sich auszumalen, was eintausend Meter sind, wie es sich anfühlt so viele Schritte zu laufen. Damit sie sich tatsächlich ein Bild zeichnen konnte schnappte ich sie mir, als wir bei Marc in den Osterferien waren. Der Sportverein Schopfheim 1912 eV besitzt einen sehr ansehnlichen Sportplatz. „Zweieinhalb Runden musst Du hier laufen Maya, dass sind dann eintausend Meter.“ erklärte ich meiner Tochter, während ich ihr die Laufbahn präsentierte. Die Sonne schien an diesem Tag hell vom Himmel. Maya blinzelte in die Weite und stöhnte laut auf. „So viel muss ich laufen?“ „Ja, aber das schaffst Du!“ ließ ich unbeirrbar verlauten und malte einen Startstrich auf den Sand der Laufbahn. „Okay.“ Hörte ich sie murmeln. „Ich begleite Dich, Süße. Wir laufen gemeinsam eine Runde. Ganz langsam. Danach machen wir eine Pause. Dann versuche eine zweite Runde.“ Gesagt, getan. Marc, der uns begleitet macht Fotos, während Maya und ich laufen wollen. Seine Tochter Jula läuft mit. Sie möchte unbedingt dabei sein, um zu wissen, in welcher Zeit wir laufen. Ihr sind solche Dinge mit elf Jahren bereits wichtig. Maya will nur ankommen. In Sandalen und Mini-Jeanshose  steht sie am Start -und Zielstrich. Ihre Turnschuhe und Sportsachen hat sie nicht dabei. Vergessen halt. Wir lassen es easy angehen.

Während wir auf den Sandplatz trotten, versuche ich Maya mit ganz einfachen Sätzen zu erklären, was wichtig ist beim Laufen. Langsam loslaufen! Nicht zu schnell losstürzen! Das machen die meisten Kinder (nunja, nicht nur die) falsch. Danach fehlt ihnen die Puste. Durch die Nase einatmen. Durch den Mund ausatmen. Ganz langsam ziehen wir eine Runde auf dem Sandsportplatz. Maya ist konzentriert. Nach der ersten Runde ist sie stolz wie Bolle. Ich auch! Wir machen eine kurze Trinkpause und laufen danach weiter. Allerdings reicht die Konzentration von Maya an dieser Stelle nicht mehr aus. Sie verliert spontan die Lust und fragt stattdessen, ob sie barfuss auf dem Rasen rennen darf. „Na klar“ entgegne ich ihr cooler als ich es im Inneren empfinde. Maya ist eben ein Kind und keine Rennmaschine, gestehe ich mir ein. Träumen darf ich aber wohl – und so sehe ich Maya in meinem inneren Auge den nächsten Weltrekord im 1000 Meter Bambini Lauf rennen. Konfetti -und Glitzerfontänen überschütten sie dabei. Später sagt sie den Reportern stolz ins Mikro „… ich danke meiner Mama, die mich immer unterstützt hat. Ich liebe dich, Mama“. Ich lächle verschmitzt in mich hinein, überlasse Maya dem wunderschönen Naturrasen und gehe zu Marc zurück. Jula läuft noch fleißig eine Runde und schließt sich meiner Tochter an. Kinder …

Der Countdown läuft! Die erste Startergruppe geht auf den Weg zum Bambini-Lauf des Avon-Frauenlaufes 2019! Endlich, das Rumstehen ist verdammt anstrengend. Meine Kleine fragt bereits zum hundertsten Mal, wann es losgeht. Was!? In solch kleinen Abstufungen! Die ganz kleinen Stöpsel gehen nun auf den Weg, begleitet von einem Elternteil, sonst würden sie sich wahrscheinlich verlaufen oder vor Angst keinen einzigen Schritt tun. Erst jetzt verstehe ich das ganze Procedere. Na, das kann dauern …

Nach einem scheinbar endlosen Starten hunderter Kinder darf Maya nun antreten. Ich begleite meine Kleine nicht in den Startbereich ihrer Altersklasse. Sie möchte allein sein. Ihre Aufregung hat sie nicht nach außen getragen, sondern sie wurde immer stiller. Wir standen ganz eng beieinander. Nun trennen wir uns. Ich winke ihr noch einmal zu. Sie winkt zurück. Danach schaut sie nicht mehr. Stattdessen sucht sie sich eine Position zum Starten unter ihrer Altersklasse und wartet. Zuvor wird den Kindern noch eingeheizt. Es gibt Aufwärmübungen mit cooler Mucke. Arme und Hände sind zu sehen, fliegende Pferdeschwänze, lange Haare wirbeln. Die Kids freuen sich auf ihre eintausend Meter auf der Straße des 17. Junis.

Erneut läuft der Countdown. Der Startschuss ertönt. Mein Herz pocht laut in meiner Brust. Meine Tochter ist auf dem Weg! Sie läuft ihren ersten Bambini-Lauf ihres Lebens. Ich versuche sie unter den vielen Kindern auf der Strecke zu erspähen während sie sich immer mehr entfernt von mir. Dabei verrenke ich mir fast den Hals. Es gibt ein ganzes Herr von Eltern, Omas und Opas die ihrer Kinder und Enkel anfeuern. Ohne Vorwarnung rollen Tränen der Rührung über mein Gesicht, die ich mir mit dem Handrücken abwische. Dabei lächle ich stolz.

Der Haufen von kleinen Läufern hat sich entzerrt. Die Ersten sind bereits auf dem Rückweg und steuern dem Ziel entgegen. Mit hochroten Köpfen laufen sie ein und werden von fürsorglichen Erwachsenen in Empfang genommen. Es ist ein einziger riesengroßer ungeordneter Ameisenhaufen. Die Streckenposten müssen Erwachsene zurückhalten, weil sie auf der Ziellinie ihre Kids in die Arme nehmen möchten. Wahrscheinlich noch tragen, wenn es nach ihnen ginge. Meine Nerven sind vom Gewusel und dem überfürsorglichen Benehmen angespannt. Leicht angewidert nehme ich die Situation war, möchte mich ihrer entziehen. Mein Blick sucht Maya und findet sie. Ihre Haare sind verzaust, der Kopf rot. Mit Schweißperlen bedeckter Stirn trottet sie als einer der letzten Teilnehmer ins Ziel. Mit einem stolzen Lächeln nimmt sie ihre wohlverdiente Medaille in Empfang, die ihr von einem Ordner gereicht wird. Sie wird weitergeleitet, nimmt noch andere Geschenke entgegen und steuert zu mir. „Mama!“ ruft sie mir zu. Wartend bleibe ich stehen, bis sie mich erreicht hat. Die Geschenke nehme ich ihr ab, vorsichtig und zugleich fest halte ich sie in meinen Armen. Mayas Augen strahlen leuchtend vor Freude. Aber sogleich kommt ein quälendes „Ich habe Durst!“ aus ihrem Mund. Sie sieht echt fertig aus. Schnell ziehe ich sie aus den Massen an Menschen heraus, stelle mich mit ihr ins Abseits und suche hektisch in meinem Rucksack nach der Trinkflasche. Ha, da ist sie ja! Maya trinkt einen großen Schluck Wasser. Dann halte ich es nicht mehr aus und frage. „Wie war es Süße?“ „Anstrengend!“ erwidert sie ernst. Danach sprudelt es jedoch nur so aus ihr heraus; ein Kind wäre gestürzt, ein Kind hätte gekotzt, eines geweint. Sie wäre so gelaufen, wie wir es besprochen hätten, nicht zu schnell. „Ich wollte nicht schnell sein, dann muss ich auch kotzen.“ sagt sie überzeugt.

Oma und Onkel stoßen zu uns und Maya erzählt ihnen sogleich überschwänglich, wie es war. Ganz im Gegensatz zum Start ist sie nun nicht mehr zu bremsen. Alle Aufgeregtheit scheinbar abgefallen von ihr, berichtet sie mit großen Gesten von ihren Erlebnissen auf diesen eintausend Metern. Während wir in die Tiefen des Tiergartens vorstoßen, um dort auszuruhen, erzählt sie immer noch und spart dabei nicht mit klugen Sprüchen, was so schief lief. Vor allem die Kinder, die zu schnell und dann außer Puste waren. Maya hüpft wie ein Flummiball herum. Wir machen noch ein paar Fotos, um diesen Moment und diesen wunderschönen Tag festzuhalten.

Langsam beginne ich mich gedanklich damit zu beschäftigen, wie ich meinen Nachmittag und Abend gestalte. Meine zehn Kilometer bei diesem Lauf-Event liegen noch vor mir. Als wir eine Bank gefunden haben, an der wir uns niederlassen können, beraten wir uns. Maya sucht den Körperkontakt zu mir. Ich nehme sie auf meinen Schoß und streichle über ihre Kopf und den Rücken. Wir sind beide glücklich. Sie drückt mir einen dicken Kuss auf die Wange. „Wann läufst Du Mama?“ fragt sie begeistert. „In knapp zwei Stunden, Süße.“ …

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