Ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll? Vielleicht diesmal am Ende. Mein Traum wurde wahr. Tatsächlich bin ich meinen ersten Halbmarathon und in einer Zeit von unter zwei Stunden gelaufen. So, und nun von vorn. Irgendwann letztes Jahr (2014) hatte ich es mir in den Kopf gesetzt, einen Halbmarathon zu laufen. Es sollte der Berliner Halbmarathon sein. Im Vorfeld wollte ich recht unbemerkt den Müggelsee-Halbmarathon laufen. Einfach langsam, nur ankommen. Das klappte aber nicht, da ich bei der Vorbereitung auf diesen Lauf Schmerzen bekam. Ich zog die Bremse an und begann fast von ganz vorn wieder an. Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, gebe ich alles und vor allem nicht auf! Also Lauf-Bücher lesen, Sportarzt aufsuchen, mit anderen Läufern Informationen austauschen, Geduld haben und Ausdauer trainieren. Letzteres zu trainieren, hatte ich in der Vorweihnachtszeit begonnen, mit Weihnachts-Popsongs auf den Ohren durch die wundervoll geschmückte und beleuchtete Berliner-City. Ganz langsam laufen, die Distanz langsam steigern. Regelmäßig bekam ich bei diesen Laufeinheiten Gänsehaut und träumte mich in eine Welt voller Läufer hinein, mit denen ich gemeinsam lief und siegte. Ich erträumte mir eine nicht endene Zielgerade an deren Seite alle Menschen standen, die ich und die mich liebten. Ihr Jubeln, ihr Anfeuern beflügelte mich und trieb mich an. In diesen Tagträumen war ich glücklich.

Anfang des Jahres hatte ich den Check beim Sportmediziner. Meine Laktatwerte wurden gemessen, die Herzfrequenzen neu ermittelt. Jetzt wusste ich, wie ich es anpacke. Nach einem Trainingsprogramm arbeitete ich alles was ging, ab. Langsamer Dauerlauf, Mittlerer Dauerlauf, Intervall-Läufe, Krafttraining, Koordination. „Nebenbei“ ging ich arbeiten, kümmerte ich mich um meine wundervollen drei Mädels, natürlich auch um meinen Mann und den Haushalt. Ach ja und die gesunde Ernährung nicht zu vergessen. Gesund essen ist das Eine. Dafür einkaufen und kochen, das Andere. Ich wollte es so. Wenn Menschen etwas wirklich möchten, ist es durchaus schwer, konsequent dran bleiben, die Aussicht auf Erfolg jedoch, lässt den Willen groß und übermächtig werden! Nach außen hart und konsequent zu mir selbt, war ich im Inneren unsicher und auf der Suche nach Sicherheit, Wärme, Zuwendung und Liebe. Ab Februar nahm ich an einem Vorbereitungskurs für den Halbmarathon vom Medical Institute teil. Einmal pro Woche, unter Gleichgesinnten zu trainieren tat mit gut. Jeder für sich hoch motiviert und zugleich im Team sich der Herausforderung stellen, war ein kaum zu beschreibenes Gefühl. Dem Winter trotzend, den Blick nach vorn richtend auf den 29. März verband uns miteinander. Diese Zeit werde ich nie vergessen.

Anfang März hatte ich mir leider beim Training wehgetan. Eine Woche lang war pausieren angesagt und danach unbeirrt weiter machen. Drei Woche vor dem Event dann eine kleine Erkältung. Das Training musste ich wieder kurz ausgesetzen, mich schonen. War die Frage, wie weit falle ich mit beiden Problemen zurück im Training. Ich war fest der Meinung, die 2 Stunden sind so nicht mehr zu schaffen. Mental bereitete ich mich darauf vor. Denn ankommen im Ziel nach über 21 Kilometern war schon so viel wert, oder? Aber irgendwie wollte ich das auch nicht glauben. Zwei Herzen schlugen in meiner Brust. Ein rationales und ein emotionales Herz. Am Abend vor dem Lauf war ich sehr, sehr aufgeregt. Ich sprach auch nochmal mit meinem Mann darüber. Er meinte, übernimm dich nicht, mach langsam. Alles wird gut. Genieße den Lauf. Absolut okay, oder? Aber nein! Ich sagte stattdessen „Ich will was riskieren. Ich laufe sooft mit Bremse im Kopf. Diesmal will ich nicht denken, sondern nur laufen. Ich will meinem Körper herausfordern. Schließlich habe ich so hart trainiert.“ Mein Leitspruch für den Halben, den ich mir noch ein paar Male sagte, war: „ Ich will was riskieren!“

Am Sonntag den 29. März 2015 machte ich mich, zusammen mit Géraldine und Selina auf den Weg zum Wettkampf. Michael wollte später mit Maya zum Ziel kommen. Wir gingen zu Fuß zum Start an der Karl-Marx-Allee. Für uns ja nur ein kleiner Spaziergang. Die Straße war schon voller Läufer und deren Begleitung. Am Kino International trafen wir uns wie verabredet mit Gordon und seinem Lauf-Freund Basti. Wir drei wollten gemeinsam laufen. Die beiden Jungs als Pacemaker, ich hinterher. Wir gaben den Mädels all unsere Klamotten und wollten los in Richtung Start. Zuvor ließen wir uns noch unbedint ablichten. Diesen Moment wollte ich festgehalten wissen. Selina und Géraldine gingen nun lecker brunchen im Restaurant „Alberts“, während wir 21 Kilometer durch die Berliner Stadt liefen. Dies war mein Dankeschön an meine Mädels. Über eine dreiviertel Stunde später als die schnellsten Läufer, passierten wir gegen 11Uhr den Startbogen. Es herrschte bei größtenteils bedecktem Himmel, leichtes Regenwetter. Im Tagesverlauf sollten bis 13 Grad erreicht werden.. Der Wind wehte teilweise frisch. Wir drei waren trotzdem guter Dinge. Gordon und Basti wollten dafür sorgen, dass wir mit einer Pace von 05:41 den Halben unter 2 Stunden laufen. Da wir aus dem letzten Startblock kamen, waren viele langsame Läufer um uns herum, es war sehr voll. So mussten wir uns ca. 4 Kilometer durch das Läuferfeld kämpfen bis wir schließlich in ein ruhigeres „Fahrwasser“ kamen. Die dabei verlorene Zeit mussten rausgeholt werden. Alle paar Minuten schauten Gordon und Basti auf ihre Uhren und regulierten professionell, was an Geschwindigkeit zu regulieren war. Gesprochen wurde nicht. Alles lief mit kleinen Handzeichen oder mit Blicken ab. Gordon lief mit mir, Basti um uns herum, alles im Blick behaltend. Ich hatte noch kein Gefühl, wie der Lauf enden würde, fühlte mich jedoch unglaublich beschützt, behütet und umsorgt. Die beiden Jungs waren fantastisch!

Am Schloss Charlottenburg bei Kilometer 8 waren wir gut im Lot. Wir liefen konstant um die 05:41. Ob ich das bis zum Ende schaffen würde? Keine Ahnung. Unser Der Plan war bis zum 10. Kilometer in diesem Tempo zu laufen und von da an immer spontan zu entscheiden, wie es weiter ging. Nach 10 Kilometern war alles gut. Trotz etwas Gegenwind fühlte ich mich super. Also, weiter in diesem Tempo. Ab diesem Zeitpunkt hatte ich ein wunderschönes Gefühl. Ich hatte keine Schmerzen, die Beine liefen, der Kopf dachte nicht nach. Das Tempo war okay. Ab jetzt schaute ich auch nur noch auf meinen Vordermann, Gordon. Basti lief stets drumherum. Die Straße sah ich gar nicht mehr. Mein Tunnelblick fokussierte nur den Hintern von Gordon, auf dem die Startnummer hing. Alles lief wie am Schnürchen. Meine Musik auf den Ohren sorgte für guten Beat. Mein Herz hüpfte vor Glückshormonen. Bis Kilometer 17 ging das so unverschämt gut weiter. Bei Kilometer 18 war dann ganz plötzlich mein körperlicher Einbruch Aus heiterem Himmel zeigte mein rechtes Bein leichte Schmerzen an und mir ging die Puste aus. Noch waren 2 Kilometer zu laufen. Mein ganzer Körper signalisierte mir, das er keinen Bock mehr hat. Gordon und Basti bemerkten dies auch. Wir verständigten uns mit kleinen Gesten. Ich zeigte an, das ich es unbedingt schaffen möchte. Das es wehtun wird, war mir klar. Also sagte ich mir: Du wolltest es so, also quäle dich! Die vor uns liegende Leipziger Straße war unendlich lang. Die Gertrauden Brücke kam mir unendlich hoch vor. Ich war absolut am Limit.

Einen Kilometer vor dem Ziel sagte Gordon sehr lieb. „Genieße den letzten Kilometer. Es ist dein Lauf!“ Naja, das mit dem Genießen lief nicht so gut. Erst als wir auf die Zielgerade einbogen, ging es mir mental besser. Kurz vor Ende hielten wir Drei uns an den Händen und rissen sie beim Zieleinlauf hoch. Zielzeit : 01:58:13 – ich hatte es geschafft! Unfassbar. Ich hatte was riskiert und gewonnen. Ein Traum. Mir war zum Heulen vor Glück Aber ich konnte nicht, zu sehr war ich noch unter Spannung. Alle Vorbereitung, alle Organisation, mein Glaube an mich, einfach alles hatte sich ausgezahlt! Einige Minuten später und Meter weiter warteten meine Mädels auf mich. Sie freuten sich riesig auf mich und quietschten, als ich ihnen meinen Zeit verriet. Mein Mann war nun auch da. Er gratulierte mir geradezu unterkühlt. Weder lächelte er mich an, noch nahm er mich in den Arm. Meine Pacemaker Gordon und Basti ließ er ungesehen stehen, als er mit Maya an der Hand nach kurzer Zeit wieder ging. Was war das hier? Warum behandelte Michael mich und die Jungs so? Mein Herz verkrampfte sich vor Trauer. Nach außen blieb ich versucht locker und entspannt. Nichtsdestotrotz verabschiedete ich meine beiden wundervollen Begleiter dieses Halbmarathons herzlich. Ohne sie wäre dieser Lauf nicht so erfolgreich gewesen. Nach einem Abschlussfoto mit ihnen und nochmaligem danke, danke, danke, wandte mich meiner Familie zu, um nach Hause zu spazieren. Mein Herz war schwer. Nichts von den Glückshormonen war übrig geblieben. Warum kann ich nicht glücklich beim Laufen UND in der Familie sein, dachte ich so bei mir und versuchte mir mein Glück nicht nehmen zu lassen …

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