Die Hände lässig in Hosentaschen hängend, Kaugummi kauend stehen Schüler des Ernst-Barlach-Gymnasiums auf dem Pausenhof. Es wird vielleicht gelacht, das bevorstehende Wochenende geplant – welche Party wird besucht, in welcher Disco getanzt. Ja, damals nannte man es tatsächlich noch Disco. 1990 ist das letzte Jahr auf dem Gymnasium in Kiel. Danach wird mein Mann nach Braunschweig gehen, um dort Maschinenbau zu studieren. Fast 30 Jahre liegt das zurück. Heute stehe ich hier auf dem Pausenhof und versuche mir eindringlich vorzustellen, wo Marc wohl zu finden wäre, 1990. Bei den coolen Typen, den Strebern oder gar bei den Mädels? Keine Ahnung …

Mit meinem Smartphone versuche ich für ihn Bilder festzuhalten, während große, blätterlose Bäume lange Schatten auf den grauen, grobkörnigen Boden des Hofes werfen. Schulhöfe sehen irgendwie immer gleich aus. Heute am 30. März 2019 hole ich hier meine Startnummer für den 32. Kieler Hochbrückenlauf ab. Aufgeregt erkunde ich das Gelände, fotografiere und lande dabei irgendwann am hinteren Ende. Der Sportplatz scheint neueren Datums. Die daneben liegende Turmhalle mutet älter an. Im Inneren fühle ich mich just an meine eigene Schulzeit erinnert. Sporthallen sehen wahrscheinlich auch immer gleich aus. Neben kleinen Verkaufständen finde ich die Startnummernausgabe vor. Die sehr netten Damen fragen mich nach meiner Laufdistanz. Die Kurzstrecke mit 16,5 Kilometern – beantworte ich ihnen ihre Frage. Während sie meine Unterlagen heraussuchen, verwickle ich sie in ein Gespräch. Seit geraumer Zeit verspüre ich den Wunsch, läuferisch, Anschluss in Kiel zu finden. Vielleicht ist hier der Laufclub zu finden, der mir zusagt. Die Power Schnecken, die den Kiel Marathon im Februar ausrichten, sind sehr sympathisch. Allerdings ist das Ostufer von Kiel ein No-Go für mich. Die LG Albatrosse, welche diesen Lauf ausrichten, sind perfekt in Bezug auf meine neue Wohnlage. Ende Februar hatte ich endlich ein wunderschönes, bezahlbares Heim gefunden. Im Sommer würde ich umziehen und Berlin endgültig den Rücken kehren. Was für Aussichten. Die Damen sind von meinem Wunsch, mich den Albatrosseneventuell anschließen zu wollen, begeistert und geben mir Tipps, wann und wo sie zu treffen sind. Der Laufclub freue sich immer über neue Mitglieder. Das klingt doch alles gut. Aber erst einmal muss ich überhaupt nach Kiel ziehen und morgen diesen Lauf überstehen.

Schulhof des Ernst-Barlach-Gymnasium

Am nächsten Morgen stehe ich gegen 9 Uhr erneut auf dem Gelände des Ernst-Barlach-Gymnasiums. Die Sonne scheint ganz wundervoll an diesem Frühlingsmorgen. Die Vögel hatten den Tag bereits mit ihrem Gezwitscher begrüßt und diese ganz besondere Stimmung, die jedes Frühjahr erneut über uns Menschen hereinbricht, ausgelöst – unbeschreibliche Freude! Die Fahrt auf meinem Rad war am frühen Morgen ein wahrer Genuss. Auf dem Gelände der Christian-Albrechts-Universität (CAU) hatte ich kurz pausiert, Weidenkätzchen fotografisch gehalten und mich an den Sonnenstrahlen erfreut. Immer wieder überrascht mich Kiel mit traumhaftem (Lauf) Wetter. Wahrscheinlich trägt der Klimawandel seinen Beitrag dazu bei. Es kann nicht immer nur Zufall sein. Während es anderswo immer trockener, stürmischer oder sintflutartiger wird, bezaubert mich die Landeshauptstadt von Schleswig-Holstein. Das Leben ist nicht gerecht!

Frühling auf dem Geländer der CAU festgehalten

Mit Begeisterung schaue ich mich auf dem Sportplatz um. Der Start-Ziel-Bereich ist aufgestellt, die Medaillen hängen in Reih‘ und Glied für die Finisher bereit. Musik wird aus den Boxen in die Umgebung getragen. Mein Bauch kribbelt. 16,5 Kilometer, über die Alte Levensauer – und die Holtenauer Hochbrücke. Eine Woche vor dem Berliner Halbmarathon. Im Grunde ungünstig, wenn nicht gar unvernünftig. Aber ich kann und will nicht anders. Die Länge und Streckenführung des Laufes hatten mich von Anfang an gefangen genommen. Nächstes Jahr, wenn ich keinen Berliner Halbmarathon mehr auf dem Zettel hab, schnappe ich mir die 30 Kilometer Strecke! Auf diese Distanz bin ich besonders scharf. Seit dem Fehlen der 30 Kilometer beim Schweriner Fünf Seen Lauf, trauere ich um diese Wettkampf-Herausforderung. Diese Länge, über die Halbmarathon-Distanz hinaus, ist rar gesät. Heute laufe ich hauptsächlich für den Spaß und die Freude am Laufen. Mein Herz wird mich zu dem Tempo tragen, welches es für angebracht hält.

Musik gibt es nicht auf den Ohren. Eine Pacevorgabe an mich gibt es auch nicht. Es wird alles von allein kommen. …und nun ab … in der Sporthalle ziehe ich mich um. Wie ein kleiner Ameisenhaufen wuseln Teilnehmer umher. Ein Säuseln von Stimmen erfüllt die gesamte Halle, während Mann und Frau sich umzieht. Tja, anziehen ist nicht so einfach. Was nur tragen? Sie Sonne knallt vom Himmel, die Luft ist allerdings frisch, gar kühl. Die 16 Kilometer und die Anstiege werden mir einheizen. Ich entschließe mich dazu, nur meine Weste über mein langes, aber dünnes Shirt zu ziehen. Darüber befestige ich ungeschickt meine Startnummer und steche mir dabei in den Finger. Aua! Draußen vor dem Startbereich tipple ich ein wenig herum. Warmlaufen ist das eher nicht. Nun ja, mehr braucht es aber auch nicht. Erstmal laufe ich ja langsam los.

Plötzlich wird mir klar, dass ich meine Sport Uhr gar nicht umgebunden habe. Herrje! Nun ist mir warm oder besser gesagt – heiß. Gleich ist Start und ich Dussel muss noch mal zu meinem Rucksack. Mist, verdammter. Hetzenderweise renne ich zur Sporthalle und suche meinen Platz auf. Natürlich finde ich meine Uhr NICHT sofort. Kram, Kram … Ah! Endlich gefunden! Wenigstens habe ich gleich mein GPS Signal und kann im Grunde sofort loslaufen. Das Läuferfeld steht immer noch entspannt im Startbereich, als ich nun schön aufgewärmt dazu stoße. So geht aufwärmen auch. Wenige Zeit später fällt der Startschuss 9:45 Uhr und ab geht die Post – über 16,5 Kilometer an einem traumhaften Sonntagvormittag in Kiel. Sogleich führt die Strecke ins Projensdorfer Gehölz. Weicher Waldboden, ab und zu Wurzelmännchen und der Duft von Frühling, umhüllt von Sonnenschein – so angespornt – pumpt mein Herz Glückhormon geschwängertes Blut durch meine Adern. Im hinteren Teilnehmerbereich laufend, nehme ich Fahrt auf und lasse mich vom Läuferstrom, um mich herum mitreißen. Aus dem Wald heraus geht’s auf die Alter Levensauer Hochbrücke zu. Diesen Teil kenne ich nur zu gut. Sooft bin ich bei Long Runs die Eckernförder Straße hoch zur Brücke gelaufen. Jetzt zahlt sich diese Quälerei aus! Jäh. Meine Füße fressen mit festem Vorderfuß Auftritt den Asphalt unter mir. Ein Kribbeln auf der Haut beflügelt meinen Körper. Ich fühle mich heimisch, fit und verdammt glücklich. Oben angekommen pausiere ich für ein Foto. Wie immer, wenn ich hier hoch gelaufen bin, schaue ich auf den Nord-Ostsee-Kanal hinunter. Was für ein Panorama.

Blick von der Alten Levensauer Hochbrücke

Über 40 Meter geht es in die Tiefe. Unter mir fahren just zwei Frachtschiffe den Kanal in Richtung Nordsee entlang. Wow! Ich atme tief ein und schieße ein paar Bilder vom Kanal, den Schiffen und von mir. Dann richte ich meine Nase in den Wind, hole Luft und laufe weiter. Ab hier habe ich ungefähr 4,5 Kilometer hinter mir und die erste Hochbrücke erobert! Läuft! Der Run hinunter ist ein einziges Hochgefühl. Wie ich es in dem Maße nur eine Handvoll in meinem Läuferleben erlebt habe. Tapp, tapp, tapp … meine Beine fliegen die Brücke hinunter. Weit unter spielt eine Samba Band, dessen Klänge weit über die Ebene bis zu mir getragen werden. Die Trommeln lassen meinen Schritt und meinen Puls schneller werden. Wie geil ist das denn?! Der Berliner Halbmarathon mit Marc mag ja mein großes Ziel sein, aber das hier ist ein absolut geiles Vorspiel zum Haupt-Act nächste Woche. So viel steht schon mal fest.

Der Beat der Band wird spürbar lauter. Die Schallwellen tragen weit. Das Feld der Läufer fliegt links an ihnen vorbei. Große Felder, umsäumt von Bäumen, erstrecken von nun an beidseits. Der blaue Himmel am Horizont bildet einen scharfen Kontrast. Für einen Moment juckt es mir in den Fingern, mein Smartphon zu zücken, um Fotos zu machen. Nee, lass es Süße. Genieße den Ausblick und lauf weiter. Gut, mach‘ ich, denke ich bei mir. Währendessen lässt der Klang der Samba Trommeln weiter nach. Der Weg führt nun direkt zum Kanal. Im Gänsemarsch zieht sich unser Läuferfeld das Wasser entlang, das in der Sonne glänzt.

Irgendwann nervt mich mein rechter Laufschuh dermaßen, dass ich beim Entdecken eines Pollers spontan verweile, um das in Ordnung zu bringen. Heute bin ich ja nicht unter Zeitdruck. Ohne Hektik sortiere ich das störende Steinchen aus, justiere meine Socke und schnüre meinen Schuh zu. Währenddessen werde ich besorgt gefragt, ob ich Hilfe benötige. „Nein. Danke“ rufe ich zurück. Lieb, denke ich. Ich winke noch und starte kurz danach wieder. Ein kurzer Blick auf meine Sportuhr verrät mir, dass ich nun schon 7 Kilometer hinter mir habe. Hey, den Rest schaffe ich auch noch janz logger.

Auf geht’s! Die Hälfte ist bald geschafft. Ich passiere zwei Herren, die laut ihrer Klamotten der Bundeswehr zugehörig sind. Einer ruft  mir ein Kompliment zu, so ungefähr was von … ein junges Reh … Ich? Haha … was ich höflich mit einem lautem „Danke“ quittiere und beschwingt von dannen trabe. Ach ja, das Leben kann echt schön sein! Weiter so …  9 Kilometer sind erreicht. Mein Blick löst sich vom Boden. Blinzelnd schaue ich in die Ferne. Die Holtenauer Hochbrücke thront hoch erhoben über dem Kanal. Jip, da müssen wir alle hoch, danach wird das Schlimmste überstanden sein. Links ziehen wir Läufer unsere Runde zur Brücke hoch. Mancher läuft tapfer, andere gehen langsamen Schrittes hinauf. Ein zweites Mal 40 Höhenmeter zu überwinden ist fordernd. Mit kleinen Tippelschritten ziehe ich an so manchem Teilnehmer vorbei, tief im Innern stolz, immer noch zu laufen und nicht zu gehen. Heute bin ich echt fit wie ein Turnschuh. Ein, zwei Kurven nehme ich noch, dann eröffnet sich die Holtenauer Brücke in ganzer Breite und Höhe. Das Sonnenlicht, die ansteigende Straße bieten einen phantastischen Blick. Klar, muss ein Foto her! Die Läufer neben mir unterstreichen den Anstieg und die Perspektive, der sich mir bildet.

Blick von der Holtenauer Hochbrücke

So. Fertig. Geiles Foto! Weniger Schritte weiter zücke ich noch einmal mein Smartphone und halte den Moment auf dem Gipfel der Brücke mit Blick auf die Schleuse in Richtung Ostsee fest. Das Wasser glitzert, die Sonne scheint prall vom Himmel. Ich versuche den Augenblick  in mir aufzunehmen. Ein letztes Selfie für den heutigen Lauf mache ich, lächle breit in die Linse. Packe alles gut weg und setze meinen Popo in Richtung Ziel in Bewegung. Noch etwas über 5 Kilometer sind zu rocken – wird easy. Über Stock und Stein, mal ein wenig hoch, mal runter geht es durch … ach keine Ahnung wo ich hier bin. So gut kenne ich mich hier noch nicht aus. Aber es gefällt mir.

Zurück im Projensdorfer Gehölz fliege ich über den Waldboden. Erinnerungen an Läufe in Berlin zu dieser Zeit werden wach. Der Lauf Tegeler Forst oder der Pankower Frühlingslauf in Schöneiche waren immer ein Genuss. Meine Mädels waren manchmal dabei, Lauffreunde ebenso oder ich war allein am Start – wie heute.  Meine Familie fehlt mir definitiv. Aber es gibt keine Alternative. Also Kopf hoch. Weiter machen. 14 Kilometer sind im Kasten.

Auf den letzten Metern nehme ich leicht Fahrt raus. Genieße. Gleich bin ich da! Der Sprecher am Mikrophon im Ziel ist bereits zu hören. Ich schaue auf meine Sportuhr und freue mich. Tippel, tippel … Beim Einlaufen durch das Tor zum Sportplatz hüpft mein Herz und ich gebe noch mal Gas auf den knapp zwei Runden. Auf der Zielgerade schaue in noch einmal hoch in den Himmel, sende einen Gruß hinauf. Strahlend, tief zufrieden und leicht schnaufend nehme ich die mir dargebotene Medaille entgegen. Ein sehr schönes Erinnerungsstück. Langsam gehe ich durch die Reihen der Läufer, deren Familien und Freunden. Marc wird bestimmt schon lauern, wann ich mich melde. Er wird stolz auf mich sein. 16,5 Kilometer in 1:43:27. Damit bin ich in meiner Altersklasse auf Platz 13. Supi.

Geschafft!

Nachdem ich mich umgezogen habe und eine wunderbar anfühlende Beinmassage in einem der Unterrichtsräume der Schule genießen durfte (!!!), laufe ich in Ruhe zu meinem Rad. Dabei schaue ich mich noch mal um, auf dem Gelände des Ernst-Barlach-Gymnasiums. Die Sonne scheint immer noch prachtvoll und warm vom Himmel, es duftet nach Frühling. Ich denke an Marc, das Jahr 1990 und dann – an meine Zukunft. Das fühlt sich gut an! Bestimmt werde ich hier öfter vorbeischauen, um als Mitglied der LG Albatros zu trainieren, um nächstes Jahr die 30 Kilometer Strecke zu rocken. Denn irgendwann kommt mein allererster Marathon in meinem Leben.

Aber erstmal muss ich mein Leben nach Kiel verlagern. Ein Umzug steht an – und die Trennung von Berlin und meiner Familie – besonders die von Maya, meiner kleinen Tochter. Kopf hoch Diana!

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und hilft zu leben … schrieb schon Hermann Hesse.

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