17. April 2016 – 39. Jedermannlauf

Es ist ein trüber, feuchter Sonntagmorgen, dieser 17. April

So rechte Lust aufzustehen habe ich nicht, als mein Handy 6:30 Uhr eine zart duselige Musik abspielt, um mich aus dem Schlaf zu holen. Allerdings braucht es dann doch nicht lange, um mich aufzuraffen, schließlich freue ich mich auf den Lauf und das Frühstück mit Freunden danach. Diese positiven Akzente muss ich mir zur Zeit stark vor Augen führen, um den Morgen zu beginnen. Eigentlich ist es jeden Morgen dasselbe. Das Scheitern meine zweiten Ehe und die damit verbunden Probleme setzen mir schwer zu. Mein Leben ist schön, es lohnt sich jeden Tag zu genießen. Mir diese Worte immer wieder zu sagen, sie zu verinnerlichen, fällt mir nicht leicht.

Also, aufstehen und raus

Ich trinke einen leckeren Cappuccino und ziehe mich an. Die Auswahl der Laufklamotten fällt nicht schwer, da es relativ frisch am Start sein wird. Lange Lauftights, langes Shirt, beides in schwarz. Blaues Kopftuch und blaue Laufschuhe, die für die schnellen Läufe, ziehe ich an. Farblich bin ich heute top. Ob es läuferisch auch top wird, stellt sich noch im Laufe des Vormittages heraus. Da ich keinen Hunger habe, packe ich mir noch eine Banane und einen Apfel zum Frühstücken in der Bahn ein.

8:15 Uhr bin ich mit meinem Lauffreund Mark verabredet

Er wird in der S-Bahn sitzen, mit der wir dann sofort weiter Richtung Alexanderplatz und weiter in den Norden von Berlin fahren. Ich bin an dem Morgen zu gut sortiert und damit viel zu früh am Ostbahnhof. 20 Minuten muss ich nun noch überbrücken, um auf Mark zu treffen. Die Banane verdrücke ich schon mal als erstes und stülpe mir dann die Kopfhörer auf die Ohren, um mich mit Musik gut in Stimmung zu bringen, dabei ziehe ich fiktive Bahnen auf dem Bahnsteig. Ungefähr 6 mal umrunde ich den Bahnsteig, bis die Zeit endlich um ist.

Die S75 fährt ein und im vorletzten Wagen an der Tür steht Mark, um mich zu begrüßen.
Zusammen setzen wir unsere Fahrt fort, in Richtung Hermsdorf. Mark hatte sich spontan entschieden, mitzulaufen.
Allerdings ist er sich noch nicht sicher, ob er 5, 10 oder auch 15 km laufen möchte. Da er letzte Woche den Halbmarathon auf dem Flughafen Schönefeld gelaufen ist, empfehle ich ihm die 10 km. Er könnte sich aber auch die 15 km vorstellen, um mit mir auf Zeit zu laufen, sagt er.
Hm, einen Pacemaker! So etwas schätze ich ja mittlererweile sehr. Das Angebot ist verlockend.

Als wir in Hermsdorf aussteigen, sehen wir schon einzelne Läufer.
Da Mark immer gut informiert und sortiert ist, finden wir auch den Weg zur Bushaltestelle gut. Ein Läufer kommt uns hinterher und wir beginnen ein Gespräch. Er begleitet uns bis zur Haltestelle, wo wir gemeinsam auf das Eintreffen des Busses warten. Ganz allmählich füllt sich die Haltestelle.
Der Regen hat nun auch aufgehört. Es ist noch etwas grau, aber laut Wetter-App soll der Himmel bald aufreißen und die Sonne zum Vorschein kommen.

Der Bus fährt vor

Wir steigen ein und drei Stationen später wieder aus. Ein großer Pulk Läufer ist schon in Bewegung in Richtung Tegeler Forst.
Angekommen am Start und Zielbereich hole ich meine Startnummer ab. Mark, der sich ja zur kurzfristigen Teilnahme entschieden hat,
meldet sich für die 10 km an.
Okay, dann werde ich allein laufen. Ich habe auch schon einen Plan, wie.
Wir machen uns laufschick und suchen uns ein stilles Örtchen im Wald. Natürlich jeder für sich. Einer rechts, der andere links.

Von Gritta und Steffen ist noch nichts zu sehen. Die beiden wollten hier auch laufen, die 10 km für die Läufer Cup-Wertung. Danach wollten wir zusammen frühstücken gehen. Es ist 9:40 Uhr. 10 Uhr ist Start. Zeit sich ganz kurz einzulaufen. Ich starte meine „TomTom“ und bemerke, das der QuickGPS-Start nicht aktiv ist. Na super. Es ist 12 Minuten vor 10 Uhr. Den QuickGPS-Start bekomme ich aktiv, wenn ich mich mit dem Handy verbinde und die Software per Smartphone aktualisiere, sagt mir Mark. Ich versuche mein Bestes, während des Einlaufens. Es sind noch 10 Minuten bis zum Start.
Zuerst muss ich die letzte Aktivität von der Uhr runterladen. Gut. Läuft. Noch 5 Minuten bis zum Start. 1 Minute vor dem Start ist der letzte Lauf downgeloadet. Jetzt kann sich meine Uhr aktualisieren. Leider reicht das auf gar keinen Fall. Ich breche das Ganze ab und starte meine Uhr einfach so.
Dann muss ich eben loslaufen und warten, bis meine Uhr das GPS-Signal empfängt. Quick wird es dann nicht gehen. Dann eben slow, auch egal. Meine Zeit und meine Kilometer bekomme ich ja auf jeden Fall schwarz auf weiß, per Urkunde!

Der Startschuss fällt

Mark und ich sind sehr weit hinten und laufen ein paar Sekunden später los. Eine Bruttozeit gibt es leider nicht, da am Start keine Zeitmesser angebracht ist. Das ist schade, denn es gibt Mittlerweile ein doch beachtliches Starterfeld. Die ersten Meter absolvieren wir somit im Schneckentempo,
denn durch die Masse müssen wir erst einmal hindurch. Nach 500 Metern ist jedoch alles entspannt. Mark verabschiedet sich von mir. Er läuft ja um einiges schneller als ich. Ich laufe mein Tempo, kurz vor Erreichen der anaeroben Zone. Die Sonne scheint nun auch durch weiße Wolken hindurch in den Wald hinein. Das ist wunderschön, die Bäume sind in zartes Grün gekleidet, die Vögel zwitschern, die Luft ist frisch. Kurz nach Kilometer 1 gibt es eine Steigung. Keine Ahnung wie hoch und lang sie ist. Aber sie ist durchaus fordernd, wenn man hier ein schnelles Tempo halten möchte. Ich drossele mein Tempo allerdings. Die ersten beiden Runden, a 5 Kilometer möchte ich auf jeden Fall nicht bei 100 % laufen.
Geschafft!

Der Hügel ist erklommen

Auf der Strecke gibt es jetzt nur noch zwei kleinere Erhebungen. Die Letzte ist allerdings ziemlich gemein. Sie ist kurz, aber relativ steil und genau vor dem Ziel. Somit ist ein super schnelles Finish eine große Herausforderung. Da ich drei Runden drehen muss, hab ich das „Vergnügen“ hier dementsprechend oft hoch zu müssen. Meine Uhr hatte übrigens ab Kilometer 2 Kontakt mit dem Satelliten im All.

Die ersten 5 Kilometer laufe ich in knapp 28 Minuten

Vollkommen in Ordnung.
Ich fühle mich sehr gut. Die Sonne scheint, ich laufe durch einen wunderschönen Wald. Was will ich mehr? Nix. Einfach so weiterlaufen.
Wieder muss ich die lange Gerade hoch, nach dem 1. Kilometer der zweiten Runde. Puh, überstanden. Alles läuft noch wie geschnitten Brot.
Das Feld der Läufer hat sich übrigens schon lange entzerrt. Ich fühle mich ziemlich allein auf der Strecke, allerdings nicht einsam und das ist ein schönes Gefühl. Wieder laufe ich ohne Musik auf den Ohren. Die Entscheidung war diesmal sehr knapp ausgefallen. Aber ich bereue es nicht.
Es ist schön, die Natur so besser zu hören.
Was dafür neu ist, wie schon bei den Läufen davor, das Schnaufen. Das Schnaufen der anderen Läufer. Es ist, nun ja, etwas befremdlich und gewöhnungsbedürftig. Gerade wenn man selber noch in einem absolut entspannten Herzfrequenzbereich läuft und noch durch die Nase einatmet.

Bis Kilometer 10, die ich nach 56 Minuten absolviere, ist alles gut, wenn auch nicht mehr ganz locker. Mark steht bereits am Ziel und klatscht mich ab.
Da ich sehr konzentriert laufe, hätte ich ihn beinahe übersehen. Eine kleine Dampflok bin ich nun schon. Jetzt möchte ich ein bisschen mehr Gas geben.
Meinen Puls werde ich jetzt nicht mehr im Zaum halten. Ab jetzt kann es in den anaeroben Bereich gehen. Nun werde ich auch schnaufen.

Ein Mann älteren Jahrgangs passiert mich kurz nach dem Ende der 2. Runde. Ich versuche mich an ihn ranzuhängen. Das klappt jedoch nur ein paar hundert Meter. Dann lasse ich ihn ziehen, allerdings bleibt er in Sichtweite und für lange Zeit mein einziger „Begleiter“ im Wald, abgesehen von den Streckenposten. Noch einmal den Hügel hoch. Ich passiere hier eine Dame mit langem blonden Pferdeschwanz. Mehr erkenne ich nicht.

Schön. Definitiv bin ich nicht die letzte Läuferin auf der 15 Km Strecke, denke ich so bei mir.
Das Starterfeld über die 15er Strecke ist mit etwas über 30 Läufern sehr überschaubar.
Na ja, den Letzten holen in gruseligen Filmen immer die Monster.
Das bleibt mir zum Glück nun erspart!

Weiter geht’s

Ich schnaufe, bin aber gut bei Kräften. 3 Schritte – einatmen, 3 Schritte – ausatmen, mit dieser Frequenz laufe ich eine ganze Zeit lang. Ich denke kaum, rechne also keine Zielzeit aus, sondern laufe. Laufe, Laufe. Ich bin im Flow und genieße diesen Zustand. Meine Beine fühlen sich stark und kräftig an.
Das Krafttraining der letzten Wochen spüre ich. Ein geiles Gefühl. Der Läufer vor mir verliert immer mehr an Abstand zu mir.
Ich bin ihm auf den Fersen. Es sind nur noch 3 Kilometer bis zum Ziel.
Ob ich ihn einholen kann, denke ich ganz kurz. Na dann, lauf …
Mache ich.
Tapp, tapp, tapp, ppffffuuuuuu
Es sind jetzt noch 2 Kilometer. Ich gebe nicht alles, aber noch einen Gang schalte ich hoch, bis gefühlt 95%. Meine Beine laufen wie von selbst.
Mein Oberkörper ist noch recht entspannt. Ich laufe wie ein Uhrwerk. Der Läufer vor mir hat nur noch einen Abstand von 10 Metern. In der letzten Kurve, rechts rum, schaut er sich nach mir um.
Ja, schau nur. Ich hab dich im Visier. Dich fresse ich jetzt gleich, ich bin das Monster aus dem Gruselfilm.

Kurz vor dem letzten Hügel, der ins Ziel führt, stehen Gritta und Steffen. Sie jubeln mir zu. Das ist ein tolles Geschenk. Ich trete zum Endspurt an und überhole den Läufer.
Jupiiii.  Aber, was macht der denn?
Er fängt auf einmal an gegenzuhalten und will mich nun noch einmal überholen. Links herum, auf den Hügel hoch …. Schnauf, schnauf ….
Oben. Auf dem Hügel sind wir auf gleicher Höhe. Das ist mir zu doof, denke ich just und nehme einen halben Gang raus und lasse ihn gewinnen.
Ich hab das Gefühl, dass braucht der über 50 Jährige Mann für sein Ego. Soll er haben. Mir ist es lieber nicht noch zu stolpern und ich laufe schnell,
aber nicht überstürzt den Hügel runter, ins Ziel. Meine Zeit 1:22:51.
Sehr gute Zeit. Ich bin sehr zufrieden. Mark empfängt mich, wir knuddeln uns und dann gibt er mir gleich meine Jacke zum Überziehen. Hinter uns sind furchtbare Geräusche zu hören, als wenn sich jemand übergibt. Es ist der Typ, der mich unbedingt noch überholen wollte. Tja, was soll ich sagen?
Manchmal ist weniger mehr, denke ich und drehe mich um.

Einen Schritt weiter ist das „Startnummern-Empfangskomando“ in Stellung gegen. Sie wollen sofort und auf der Stelle meine Startnummer haben.
Ich brubbel sie an, dass ich mir bitte erst etwas die Beine austreten möchte. Nach einigen Sekunden kehre ich um, gebe die Startnummer ab
und empfange ganz stolz meine Medaille. Mit Mark laufe ich nach vorne, um mir ein Getränk zu holen und die berühmten Nutella – und Schmalzstullen,
die es hier immer nach dem Zieleinlauf gibt.

Gritta und Steffen sind nun auch da. Wir warten noch, um meine Platzierung beim 15 Km Lauf zu erfahren. Währenddessen sehen wir uns die Siegerehrung des 10 km-Laufes an und futtern noch ein paar Stullen. Nach einer Weile brechen wir das Warten ab. Wir werden alle kalt und setzen uns deshalb in Bewegung, zum Bus. Das ich tatsächlich die Erstplatzierte der W 45 bin und aufs Treppchen gekommen wäre, erfahre ich erst am Abend beim Ausdrucken meiner Urkunde.
Egal.
Warmbleiben und Essen ist wichtiger. Am U-Bahnhof Tegel suchen wir uns ein schönes Café, indem wir noch sehr lecker frühstücken und den Lauf Revue passieren lassen, Fotos austauschen und es uns einfach gutgehen lassen.