Die Nacht ist schnell vorbei. Eben erst eingeschlafen, wache ich auch schon wieder auf. Wenn ich was gut kann, dann schlafen wie ein Stein. Ich blinzle und reibe mir die Augen, das Wohnzimmer ist hell erleuchtet. Die Sonne wird von den gegenüberliegenden Fenstern reflektiert und lässt alles hell erstrahlen. Regen wird es heute beim Lauf definitiv nicht geben, denke ich erfreut. Blitzartig springe ich aus dem Bett, um als Erste im Bad zu sein. Der frühe Vogel … Mein Plan geht auf. Noch vor Marc stehe ich frisch gewaschen in der Küche und bereite den ersten Kaffee des Tages vor. Als er in der Tür steht, falle ich ihm um den Hals und schmettere ihm ein „Guten Morgen“ um die Ohren. Wir verfallen in eine wilde Knutscherei, bei der wir fast die Balance verlieren und wie frisch verliebte Teenies lachen.

„Na Süße, bist Du bereit für heute?“  Dabei drückt er mich fest an mich. „Klar, bin ich. Wir wollen ja heute auch janz jemütlich laufen. Also kein Grund nicht bereit zu sein.“ erwidere ich vergnügt. Während wir unsere zwei bis drei Tasse Kaffee vertilgen, legen wir Laufklamotten zusammen, ordnen Startnummer und Sportuhr. Jula kommt aus dem Bett gekrochen. Nebenbei wird gefrühstückt. Die Zeit verfliegt wie im Fluge. Es klingelt an der Tür. Meine Mama und meine Tochter Selina kommen. Beide sind so lieb und kümmern sich um Jula. Ich drücke beide fest an mein Herz. Meine Familie fehlt mir oft wenn ich allein in Kiel bin. Heute sind sie bei mir und berühren mein Herz zutiefst. Maya fehlt. Schon wieder muss ich an sie denken. Bis zum Schluss hatte ich gehofft, sie und ihr Papa würden sich meiner Familie anschließen und uns anfeuern. Nix da. So und nun ist Schluss mit Jammern! Auf geht’s! Wir schnappen unsere Klamotten, verabschieden uns und gehen, wie viele andere tausende Läufer, zum Start des 39. Berliner Halbmarathons, der zum ersten Mal auf der „Straße des 17. Juni“ starten wird.

Ab dem Moment, da wir das Haus verlassen und uns zu Fuß auf den Weg machen, ist es anders als die Jahre zuvor. Irgendwie fühlt sich die Stadt, samt den Menschen darin komisch an. Nicht das Berlin je ruhig war, aber es ist besonders hektisch und voll. Wie ein leicht brodelnder Suppentopf, kurz vor dem Überlaufen. Noch können wir beide unsere Wahrnehmungen und Gefühle nicht recht einordnen. Marc spürt es eher als ich und wir tauschen unsere Empfindungen auch gar nicht untereinander aus. Nach dem Lauf fügt jedoch sich alles zusammen. Den Beginn unseres Desasters macht die Suche nach dem Eingang des Laufes. Das umzäumte Terrain in der Mitte von Berlin und somit die Zugänge sind uns neu. Einen riesengroßen Bogen müssen wir gehen, um zum Bereich des Starts zu gelangen. Im letzten Block den Lauf zu starten, verschafft uns Zeit, allerdings auch nicht endlos. Mürrisch gehe ich Marc hinterher, der uns den Weg bahnt. Ja klar, wir wollen es entspannt angehen. Es gibt keinen Grund grummelig zu sein. Trotzdem kann ich ein innerliches saures Aufstoßen nicht verhindern. Das gefällt mir hier nicht! Der Start auf der Karl-Marx-Allee die Jahre zuvor war irgendwie – besser. Auweia! Ich werde alt! Jetzt ist es amtlich. Ich fühle mich mit Altbewährtem besser, weil vertraut. Oh mein Gott – ich will nicht unflexibel sein. Mein Ziel ist es, stets offen für Neues zu sein. Aber das hier, das empfinde ich definitiv als doof.

Nach Abgabe unsere Klamottenbeutel und dem Gang zum Dixi-Klo kommt nun die Frage auf, von wo wollen wir starten? Ich habe keine Vorstellung, was ich tun soll. Was läuft hier nur falsch? Wo ist das Bauchgribbeln, die Vorfreude, die positive Anspannung, wie bei den letzten drei Halben in Berlin. Ich drücke mich ganz fest an Marc, in der Hoffung er könne einen Funken überspringen lassen, damit ich vom Zauber des Laufens entflammt werde. Aber, nix passiert. Irgendwas ist komisch im Staate Dänemark. Wir schießen noch ein paar Selfies und schauen dabei lächelnd in die Kamera. Spontan reihen wir uns in den vorletzten Startblock ein und wenige Augenblicke später geht es auch schon los. In diesem Moment spüre ich dann doch Freude auf das vor uns liegende Laufevent, meinen vierten Berliner Halbmarathon. Wir wollen die 21,0975 Kilometer lange Strecke genießen, nicht mehr, aber auch nicht weniger!

10:48 Uhr passieren wir den Startbereich. Es geht Richtung Westen über die Straße des 17. Juni bis zum Ernst-Reuter-Platz. Dann weiter über die Otto-Suhr-Allee und den Spandauer Damm bis zum Schloss Charlottenburg, dort links in die Schlossstraße. Mit einem Schlenker über den Kaiserdamm führt die Strecke anschließend am Lietzensee vorbei, für ein kurzes Stück auf die Neue Kantstraße, bis es endlich auf den Kurfürstendamm geht. 10 Kilometer sind zu diesem Zeitpunkt geschafft, die wir leider nicht wirklich genießen. Immer wieder kommen Läufer von hinten und drängen, teilweise rücksichtslos, durch das Feld. Irgendwann, so hoffen wir, ebbt das ab. Was wir zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht wissen, die Teilnehmerzahl ist in diesem Jahr stark erhöht worden. Immer wieder werden wir in unserem sowieso nicht recht aufkommenden Flow gestört. Zusätzlich stört mich der empfundene Zickzack-Kurs der Strecke, bis dato. Hoffentlich ändert sich das Gefühl ab dem Kürfürstendamm. Diesen Teil der Strecke mochte ich immer sehr. So kenne ich mich gar nicht, denke ich enttäuscht von mir. Da laufe ich hier mit einer 6:30 Pace, bei strahlendem Sonnenschein mit meiner großen Liebe beim Berliner Halbmarathon und kann mich nicht freuen. Stattdessen nerven mich Kleinigkeiten. Ups, wieder drängelt sich eine Person an mir vorbei. Ich verstehe meine Welt nicht mehr und habe das Bedürfnis bereits jetzt schon im Ziel zu sein. Tja Pech nur, dass ich noch 15 Kilometer vor mir habe. Den Focus nach vorn gerichtet versuche ich mich zu konzentrieren. Mach das Beste daraus, denke ich, während ich mit Marc die Friedrich-Wilhelm Gedächtniskirche passiere und wir auf die Tauenzienstraße laufen.

Ab Kilometer 14 beginne ich mich auf unsere kleine Fangruppe zu freuen, die an der Kreuzung der Leipziger Straße steht. Ob Maya doch noch da steht? Heute habe ich keinen meiner ehemaligen Berliner Lauffreunde gesehen. Kein Mark, keine Silke, keine Barbara. Schade. Heute ist eben alles anders. Als wir den Checkpoint Charlie passieren freue ich mich auf meine Familie, Marc hofft auch eine jubelnde Jula – und siehe da – wie geplant stehen sie da – Jula, Selina und meine Mama. Alle klatschen und jubeln, reißen die Arme hoch. Marc und ich fallen unseren Lieben in die Arme. Die Freude ist groß! Nachdem wir uns alle geknuddelt haben, stellen wir uns zu einem Foto auf. Selina steckt diesmal auch nicht ihre Zunge raus. Gott sei Dank! Mit 20 Jahren lässt sie es endlich! Ich bin ihr von ganzem Herzen dankbar und freue mich, als ich ihr geschossenes Selfie von uns allen sehe. Sieht toll aus, Danke!

Wir lassen die Drei zurück, winken noch mal und machen uns weiter auf den Weg. Es sind noch knapp 4 Kilometer bis ins Ziel. Als wir auf die Straße unter den Linden einlaufen fühlt sich auf einmal alles ganz großartig an. Die Menschenmassen an der Strecke jubeln uns zu, die Musik aus den Lautsprechern dröhnt. Das Brandenburger Tor ist zum Greifen nah und lädt uns ein, seine Torbögen zu durchlaufen. Der Himmel strahlt, die Sonne scheint. Am Ende ist alles gut, denke ich, als Marc und ich gemeinsam durchs Ziel laufen. Jubelnd schaue ich in die Kameras der umherstehenden Fotografen und nehme mit Begeisterung meine Medaille entgegen. Plötzlich stockt die Läufermasse und wir kommen nicht mehr voran, während von hinten immer mehr Finisher auflaufen ….

Irgendwann ist der Schock überwunden, die Platzangst vorüber. Ich will nach Hause. Das ganz kurze Hochgefühl nach dem Zieleinlauf ist vollkommen entschwunden. In mir ist nur noch Leere. Mein Körper ist müde von den 21 Kilometern, mein Geist gestresst von den vielen kleinen Dingen an und auf der Strecke des Halbmarathons. Selbst das Zusammentreffen mit meiner Familie kann nichts mehr Positives ausrichten. Ausgelaugt schlürfe ich zum Wagen, wo ich meinen Kleiderbeutel abgegeben habe. Während ich auf Marc warte, schaue ich auf mein Handy, um zu schauen, ob die offiziellen Zeiten schon abzurufen sind. Ja sind sie. Wir beide sind 2:17: gelaufen. Eine tolle Zeit, für diesen bescheidenen Halben. Schließlich haben wir uns nicht sehr verausgabt. Auf den zweiten Blick erst sehe ich, dass mir mein Ex-Mann geschrieben hat. Mit zittrigen Händen und stark pochendem Herzen öffne ich seine SMS:

„Wir finden dich nicht. Warten am Zielausgang Richtung Hauptbahnhof bzw. Reichstag. Bist du da schon durch? Micha“ Dann noch eine SMS: „Wir machen uns jetzt auf den Weg zu einem Volksfest. Haben seit 12 Uhr hier auf dich gewartet. Wir hoffen, dass du gut durchgekommen und mit deiner Zeit zufrieden bist. Sonnige Grüße Maya & Micha“

Oh mein Gott, Maya! Sie hat auf mich gewartet! Bestimmt war sie unendlich traurig, mich nicht gesehen zu haben. Mit weichen Knien auf der Stelle gehend versuche ich mein Weinen vergeblich zu unterdrücken. Wie Falschgeld stehe ich da. Meine Lippen zittern, meine Knie sind Wackelpudding, mein Herz pocht mir bis zum Hals. Mir schnürt es die Kehle zu. Ich will schreien, will durch dir Massen laufen, um Maya in die Arme zu nehmen und ihr zu sagen: „Maya ich bin hier! Ich liebe Dich meine Süße!“ Stattdessen schaue ich mich Hilfe suchend nach Marc um. Endlich sehe ich ihn. Ich laufe ihm entgegen und falle ihm schluchzend um den Hals …


Das Leben ist nichts für Feiglinge. Stets werden wir herausgefordert. Oft müssen wir kämpfen, tapfer ertragen und aushalten. Nichtsdestotrotz ist das Leben schön! Ich liebe Dich Maya!

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.