Lange hatte mein Mann Michael mich gebeten, diesen Lauf mit ihm gemeinsam zu laufen. Über 2 oder 3 Jahre war es auf jeden Fall. Letztes Jahr (2014) hatte ich zugesagt. Allerdings unter der Bedingung, wir übernachten nicht bei Freunden von meinem Mann, sondern in einem Hotel. Im Ibis Hotel direkt am Start-und Zielbereich buchte ich dann sogleich unser Zimmer. Das Jahr war um und nun war es soweit. Die schönsten 10 Meilen der Welt standen an, in Bern, der Stadt in der Michael von 2005 bis Anfang 2008 gearbeitet und gelebt hatte.

Bereits Donnerstag (der Lauf war am Samstag) ging es auf die große Reise, auf die ich Anfang der Woche schon keine Lust mehr hatte, wegen des GDL-Streiks bei der Deutschen Bahn. Michael behielt jedoch einen kühlen Kopf und meinte, das wird schon. Recht sollte er haben. Ich konnte sogar noch für einen Ersatz ICE Sitzplätze reservieren.

Also zu Dritt ab nach Frankfurt am Main. Denn von den Eltern meines Mannes wollten wir unsere kleine Tochter Maya betreuen lassen, während wir wir in Bern waren. Eine Nacht verbrachten wir noch zusammen. Am nächsten Tag fuhren wir, nach einer langen und liebevollen Verabschiedung von Maya, weiter in die Schweiz. Michael hatte Sitzplätze in der 1. Klasse besorgt, hinter meinem Rücken. Ich habe davon nichts mitbekommen. Das klappt sonst nie. Meine Überraschung war riesengroß. First Class fahren finde ich schon sehr schick. In Bern angekommen, tröpfelte es ein bisschen vom Himmel und es wehte ein heftiger Wind. Gut so, dann ist morgen die angekündigte Gutwetter-Front da.

Ein Freund von Michael holte uns vom Bahnhof ab und brachte uns ins Ibis-Hotel. Das Zimmer war echt winzig, aber sauber und vollkommen ausreichend. Vom Fenster der 9. Etage aus konnten wir die schneebedeckten Schweizer Berge sehen. Es war wunderschön. Am Abend trafen wir uns mit Melanie und Sascha. Die Freunde von Michael wohnen direkt in der Altstadt von Bern, in einer kleinen Wohnung in der 2. Etage, welche über eine schmale Wendeltreppe erreicht wird. Das Bad und das Büro befindet sich ein halbes Stockwerk tiefer. Alles hier ist alt, eher spartanisch und zudem sehr teuer. Die Gegend ist extrem beliebt, gerade bei jüngeren Leuten. Das bin ich nicht mehr und wollte deshalb hier auch nicht übernachten! Die letzte Übernachtung, im April 2008, sollte meine letzte gewesen sein. Für mich war das nix!

Bei Spinatlasagne und Hahnwasser (Leitungswasser) saßen wir lange beisammen und plauderten, auch über den Berner Grand Prix. Langsam wurde ich ein bisschen nervös. 10 Meilen bzw. 16 Kilometer Hügel rauf und runter, werden kein Spaziergang. Die Aargauerstalgen haben eine Steigung von 9% und sind nur der letzte Hügel vor dem Ziel, den es zu erklimmen gilt.

Später im Hotel zurück, hofften auf eine geruhsame Nacht. Das klappte auch prompt. Wach werden ohne unsere kleine Maya war mega. Die Sonne schien fantastisch. Einfach nur Michael und ich beim Frühstück, besser ging es nicht. Alles war ruhig und entspannt. Nach dem Frühstück gingen wir aus dem Hotel und waren schon bei der Startnummernausgabe. Wie praktisch. Dort besorgten wir uns auch ein kostenloses Pacemakerband von ASICS. Welche Zielzeit wir uns vornehmen, wollte die Dame am dortigen Stand wissen? 1 Stunde 32 Minuten, dachte ich mir so. Das war eine Pace von 5:40, dieselbe wie beim Berliner Halbmarathon. Das müsste machbar sein. Es waren Steigungen im Lauf drin, aber dafür weniger Kilometer. Also 01:32:00 bitte, zweimal. Das Band wurde an unserer beider Arm befestigt und weiter ging es. Wir kauften noch Schweizer Wein und Schokolade und machten uns dann wieder auf ins Hotel.

Wir hatten noch anderthalb Stunden Zeit, bis wir Ruedi trafen.Michaels Freund, der Fotos von uns an der Strecke machen wollte. Zweieinhalb Stunden waren es noch bis zum Start. Ich hatte mir noch Musik zusammengestellt für den Lauf. Ehe ich mich versah war die Zeit um. Wir trafen Ruedi und sprachen uns ab, wo er uns ablichten möchte. Er schoß ein paar Bilder von uns in guter Laune vor dem Start und machte sich dann auf den Weg, um sich an passender Stelle an der Strecke zu positionieren. Michael und ich liefen uns ein. Unser Block 23, startete um 16.38 Uhr. Alle Blöcke starteten hintereinander, in einem Abstand von 4 Minuten. Das machte es einfach, da es kein Gedrängel am Start gibt. Das machen die Berner wirklich gut. Der Start insgesamt dauerte damit zwar eine dreiviertel Stunde, aber alles war entspannt.

So, nun wir waren dran. Startschuss 16.38 Uhr. Wir fühlen uns wundervoll, emotional aufgeladen, die Stimmung um uns herum ist es auch. Michael wollte mit mir zusammen laufen. Ich laufe eigentlich gern für mich. Hm, versuchen wir es. Wir mussten den ersten Kilometer gleich in einer Zeit unter 5 Minuten schaffen, wenn wir unsere Zielzeit erreichen wollten. Das ist an sich auch machbar, da wir diese fiesen Aargauerstalgen erstmal runter laufen. Und zack, schon sind wir im vollen Stadtgetümmel. Menschen über Menschen an der Strecke, Glocken bimmelten, Menschen jubelten, Musik wurde gemacht. Da läuft einem schon mal ein Schauer über den Rücken. Michael hatte es angedeutet. Ich bin schon einige Läufe gelaufen, aber das hier war irgendwie doch besonders. Über den Fluss Aare geht´s in die Altstadt, leicht bergauf. Dort stand auf einmal Sascha und machte Fotos. Großes Lachen und Winken. Weiter ging es. Michael lief zu dieser Zeit ein paar Meter vor mir. Nebeneinander ist in den engen Straßen nicht machbar und ich musste ab Kilometer 2 auch erst mal einen kleinen Gang runterschalten. Es ging rauf und runter, links und rechts herum. Wo bin ich eigentlich? Egal. Irgendwann sah ich Ruedi an der Strecke stehen, er suchte konzentriert nach uns. Ich winkte wild. HUHU, Ruedi! Es sieht mich und schießt ein paar Bilder. Ab diesem Punkt wurde es für ein paar Kilometer ruhiger. Die Strecke war glatt und ging an der Aare lang. Ich schaute mich nach meinem Mann um. Hatte ich Michael da schon hinter mir gelassen? Fällt mir jetzt gar nicht ein beim Schreiben. Ich hatte ihn, glaube ich, bei Kilometer 5 eingeholt. Nach meinem Gefühl war ich einen Tick schneller. Ich fragte, ob ich bei ihm bleiben soll, er wirkte auf mich schon etwas geschafft. Er sagte, ich soll meinen Lauf machen. Ich gab ihm einen Luftkuss und trabte weiter. Nur unwesentlich schneller als er, erst mal.

Ab Kilometer 7 wurde es dann wieder hügelig. Der erste von zwei größeren Anstiegen. Es ging in den Dählhölzliwald. Dort standen nicht so viele Menschen an der Strecke, aber die Wenigen machten dafür jedoch ordentlich Stimmung. Nach dem Waldstück geht es bis ins Ziel nur noch Berg auf und Berg ab. Das nimmt mir aber nicht im geringsten die Stimmung. Ich klatsche regelmäßig die Kinder am Rand ab und genieße meine Musik auf den Ohren. Weiter, weiter. Bei Kilometer 14,5 kommen die berüchtigten Aargauerstalgen. Dort nehme ich den letzten Versorgungspunkt natürlich mit. Kurz gehen und dann Zähne zusammenbeißen, lächeln und hoch. Das Ziel erreiche ich nach 01:31:53, 7 Sekunden unter meiner Wunschzeit, ich bin super glücklich und stolz! Den Lauf muss ich nächstes Jahr unbedingt nochmal machen!

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