Zwei Tage später ist das schöne sonnige Wetter vorbei. Der Himmel ist bedeckt. Über Nacht hat es geregnet. Meine Stimmung passt zum Wetter, sie ist gedrückt. Am Frühstückstisch habe ich aus heiterem Himmel begonnen zu weinen. Mir ist nicht nach Laufen. Stattdessen setzte ich mich mit einer großen Tasse Kaffee ins Kaminzimmer, schlage mein Laptop auf und schreibe meine Gedanken in dieser Geschichte nieder.

1988 – Jugendweihe meines Bruders (Mitte). Zu diesem Zeitpunkt war mein Papa bereits wieder mit meiner Mama liiert, lebte jedoch noch allein in seiner 1-Zimmer Wohung. Meine Oma war dabei und mein späterer Ehemann.


Wo war ich stehen geblieben? Ah ja, beim Mauerfall. Mit dem Fall der Mauer war ich volljährig, Papa zog zurück zu Mama. Sie konnten und wollten nicht mehr ohne einander leben. Ich zog aus, zusammen mit meinem Freund in die Wohnung meines Papas. Wir hatten im Grunde in den Jahren davor so gut wie keinen Kontakt. Ich hatte ab und zu Post von ihm erhalten. Er schrieb gern Briefe, bunt, mit dicken, akkuraten Druckbuchstaben. Aufkleber oder Zeichnungen aus Zeitschriften schmücken diese Post. Die Anrede „Planschi“ sollte lustig und liebevoll sein. Den Humor dafür entwickelte ich erst Jahrzehnte später und er blieb mir trotzdem suspekt.

1992 heirateten meine Eltern ein zweites Mal. Die „Wende“ war einigermaßen vollzogen, Alltag kehrte langsam ein. Mit diesem auch die Tobsuchtsanfälle meines Vaters. Während eines Besuches bei meinen Eltern, wir aßen zu Mittag, beschimpfte er meine Mama, wie früher. Irgendetwas mit dem Mittagessen war es wohl. Mein Freund saß dabei und schaute fassungslos zu. Meine Mutter ging zur Verteidigung über. Es war ein Hauen und Stechen. Mit Herzrasen, hochrotem Kopf, Schweißausbruch und einer verkrampften Faust unter dem Tisch fühlte ich mich in meine Kindheit katapultiert. Ich schrie meinen Papa an. Ob er bescheuert wäre, etwas Besseres viel mir als 21jährige Heranreifende nicht ein. Tatsächlich hatte ich geglaubt, mein Vater hätte sich geändert. Dem war nicht so. Wer zum inneren Kreis der Familie gehörte „durfte“ sein Innerstes nach außen gestülpt, ungefiltert ertragen. Er blaffte zurück. Das Familienreffen war verdorben. Papa verließ die Wohnung kehrte erst wieder, als mein Freund und ich weg waren.

Dieses Ereignis machte die kleinen Annäherungen zwischen uns zunichte. Glaubte ich doch damals, er würde mir gegenüber, einer erwachsenen Frau, Respekt zeigen. Mich als Gleichwertig ansehen. Er konnte es jedoch nicht. Weder bei mir, noch bei meiner Mama, oder meinem Bruder. Ich muss mich sortieren, trinke einen Schluck Kaffee, der mittlerweile kalt geworden ist. Dabei scheift mein Blick langsam hinüber zum Labussee. Warum nur muss ich unentwegt an diesen Menschen denken? Wahrscheinlich weil ich 40 Jahre lang alles verdrängt, unterdrückt habe, um nicht von ihm verletzt zu werden. Dabei war Papa nicht immer so. Er war vor allem kein „schlechter“ Mensch. Mein Papa hatte seine eigene Art auf Dinge zu blicken. Wahrscheinlich sah er in erster Linie sich und dann lange nichts. Es konnte kaum Kompromisse eingehen. Wollte stets seine Ruhe haben, alles so handhaben wie er es kannte, nichts ändern. Er ertrug keinen Widerspruch, war unflexibel. Sein Humor war gewöhnungsbedürftig, seine Witze dafür echt komisch. Seine Liebe war versteckt, unter Neckereien oder gar Beleidigungen. Mein Papa war zu Fremden stets höflich, zu Bekannten zuvorkommend. Viele Frauen standen total auf ihn, zum Leitwesen meiner Mutter. Seine Kollegen schätzten ihn sehr, erzählte mir meine Mama. Er war großzügig, sehr umgänglich. So gar nicht, wie bei uns.

Für mich blieb er stets ein Mann, den ich auf Distanz hielt, bevor er mir wehtat. Meine Sehnsucht nach einem „echten“ Papa blieb. Wenn er mir seine Zuwendung schenkte, was es mit überzogenem Humor versteckt, der für mich als Sensibelchen in Kränkung umschlug. „Wie läuft es im Pipilabor? Machst Du auch nichts kaputt oder bringst nichts durcheinander. Die armen Patienten.“ sollte wohl eine Anerkennung meines Jobs sein. Das kam bei mir nicht an. Stattdessen errichtete ich eine dicke Mauer um mich auf und suchte Liebe und Anerkennung bei meinem Mann, Tommy. Mit ihm zusammen baute ich mir mein Leben auf. Weihnachten und andere familiäre Feste mied ich sooft es ging. Wenn wir doch Versuche unternahmen, eine Familie zu sein, stand ich immer unter Spannung oder erlebte in diesen Momenten mit angezogener Handbremse.

Dann wurde ich schwanger. 1996 kam Géraldine zur Welt. Mein erstes Kind. Mein Papa wurde Opa. Ich muss zugeben, dass ich kein gutes Gefühl hatte. Tatsächlich lauerte ich in „Habacht“-Stellung, um meinem Papa den Zugang zu meiner Tochter zu verweigern und war bereits darauf gefasst, es würde alles nur noch schlimmer. Weihnachten 1997 wurde allerdings beispielhaft für den Switch in unserer Familie. Denn es wurde nicht schlimmer, sondern tatsächlich besser! Mein Vater entwickelte sich zu einem liebevollen Opa. Géraldine war ein magisches Wesen, was sein Herz berührte – was zuvor niemand vermochte. Ihr stille, ruhige Art, die vorbehaltlose Offenheit und Liebe zu ihm, machten ihn weicher als je zuvor. Meine Tochter war sein Sonnenschein. Sie aß Dinge mit Leidenschaft, die er kochte, räumte stets ihre Spielsachen auf, hörte ihm zu und setzte seine Vorgaben und Wünsche um.

Mit dem Heranwachsen von seinem Enkelkind wuchs auch seine Wertschätzung mir gegenüber. Immer noch hagelte es plumpe Witze, aber es gab auch ab und zu direktes Lob. Mit dem zweiten Enkelkind Selina wurde mein Papa noch offener. Selina war nicht so wie sein Sonnenschein Géraldine. Sie war laut, ihr schmeckte so manch gekochtes nicht, sie widersprach und räumte nicht auf. Aber, er war bereits milder geworden. Nie erhob er die Hand, wie es noch bei uns war. Er tobte nicht mehr herum, sondern brubbelte nur noch. Beide Mädchen liebten ihn.

Papa mit seinen Ennkeltöchtern im Jahr 2000.

Ich sah dies alles aus einiger Entfernung und freute mich für meine Töchter. Sie besaßen etwas, was mir nie vergönnt war. Einen liebevollen Vater, der sich hingebungsvoll kümmerte und einen tollen Opa, samt Oma. Eine gute Zeit hatten wir, bis zu dem Moment, da mein Mann mich verließ. Von heute auf morgen lag meine 16jährige Beziehung, meine 11jährige Ehe am Boden. Mit zwei Kindern, allein erziehend, schlug ich mich durch. Eine sehr tiefe Talsohle durchschritt ich damals. Meine Eltern waren erschüttert. Tommy war ihr absoluter Traumschwiegersohn. Meine Mama half mir damals sehr. Mein Papa hielt ihr den Rücken dafür frei. In den kommenden Monaten und Jahren verdiente ich mir den Respekt meines Vaters, soviel weiß ich. Irgendwann spielte die Liebe meines Papas keine so große Rolle mehr. Ich hatte andere Probleme, Sorgen und Ziele. Ich musste zwei Kinder groß ziehen, mich in einem neuen Jobumfeld beweisen, wollte eine neue Liebe suchen und finden. Da war wenig Platz für meinen Papa. So verging Zeit.

Ich wurde endlich erwachsen (mit 33 Jahren), mutiger, erfahren, auf mich stolz (zumindest ein bisschen). Ich emanzipierte mich. Die Suche nach dem perfekten Papa in meinem Leben hörte auf. Ich war bereit den meinigen so anzunehmen wie er war und er – er half mir dabei meinen Weg zu gehen, indem er mir mit der Betreuung meiner Mädels, zusammen mit seiner Frau, den Rücken frei hielt. Dafür bin ich ihm sehr dankbar – von ganzem Herzen!

Als ich meinen zweiten Mann kennen lernte, erlebte ich eine neue Qualität, was Eltern, was einen Vater betrifft. Mein Schwiegervater war für mich eine Offenbahrung. Er war interessiert an mir, meinem Leben. Oft saßen wir gemeinsam am Frühstückstisch in Heide oder später in Frankfurt und sprachen über Politik, Familien-Stammbäume, Kultur – über meine Kinder, mich – mein Leben. Mein Mann und seine Eltern gaben mir ein Gefühl der Geborgenheit, des Gesehenwerdens. Für einige Monate fühlte ich mich sehr aufgehoben und glücklich. Wieder wurde mir bewusst, wie sehr mir dies zu Hause fehlte und ich sparte nicht, davon zu erzählen. Besonders meiner Mutter schwärmte ich davon vor und dachte dabei, warum könnt ihr nicht so sein. Jede Medaille hat jedoch zwei Seiten. Die Begeisterung meiner Schwiegereltern hielt nur so lange, wie ich die brave Frau meines Mannes war. Unsere massiven Beziehungsprobleme ignorierten sie jahrelang und schoben mir nach der Trennung und Scheidung den schwarzen Peter zu.

Bis heute weigern sie sich, mit mir zu sprechen, so jedenfalls der Tenor meines Ex-Mannes, dem ich wohl glauben kann. Warum sollte er lügen? Mein Papa erlebte mit unserer gemeinsamen Tochter Maya eine neue Qualität einer Enkeltochter. Maya war anders als alle anderen bisherigen Kinder. Sie ließ lange niemanden an sich heran. Somit hatten es alle mit ihr schwer. Opa besonders. Seine kecke Art schreckte Maya ab. Später gab sie Paroli, was ihm wiederum nicht sehr gefiel. Widerspruch, ein hohes Selbstbewusstsein, lautes Auftreten und Herumzappeln waren überhaupt nicht sein Ding. Trotzdem schafften die Zwei es, miteinander zurecht zu kommen und eine Beziehung aufzubauen. Oma musste oft vermitteln, um die beiden Sturköpfe bei der Stange zu halten. Was hatte das nun alles mit mir zu tun und mit meinem Papa? Alles (!) hat in einer Familie miteinander zu tun.

Im Laufe der Jahrzehnte habe ich immer wieder von meiner Mama gehört, wie schwer sie es mit meinem Papa hatte. Das ging nicht spurlos an mir vorbei. Mein Vater liebte meine Mutter, sagte sie. Aber – er war gegen alles Neue. Er lehne das Internet ab, die Modernisierung der gemeinsamen Wohnung, meine Mutter durfte nicht kochen. Besuche waren unerwünscht. Es sei denn, meine Tante, die Schwester meines Papas kam samt Schwager. Das war aber auch alles. Zufrieden war er auf Rügen, in seinem Bungalow, den er seit seiner Pension auch den ganzen Sommer über bewohnte. Dann war auch meine Mutter soweit glücklich.

Meine Mutter war irgendwie immer auf der Flucht, wenn Papa daheim war. Zugegeben, es lag ihr im Blut, er sorgte jedoch kaum für urbanes Leben in ihren gemeinsamen vier Wänden. Zu Weihnachten war es für Mami, wie für mich, teilweise unerträglich, weil unweihnachtlich, laut, unsensibel, unpersönlich. Mein Vater lag so überhaupt nichts daran, sich für uns zu bemühen. Hauptsache er hatte bald wieder seine Ruhe. Wie mich das anwiderte. Im Grunde war ich nur noch der Form halber zu Geburtstagen und Weihnachten bei meinen Eltern, dabei saß ich zum größtenteils im Zimmer meine Mama. Papa begrüßte ich liebevoll. Wir wechselten einige Worte, bei denen er es selten versäumte, meine jeweilige Frisur durch den Kakao zu ziehen oder meinen dünnen Körper zu bewerten. Ich kannte ihn mittlerweile ziemlich gut und sah ihm dies alles nach. Es war Ausdruck für Wertschätzung und Zuneigung. Wir hatten einen Weg der friedlichen Koexistenz gefunden.

2009 – Papa und ich.

Die Jahre vergingen … Im April 2018 zog ich beruflich bedingt nach Kiel ließ meine erwachsenen Kinder zurück und Maya bei ihrem Vater. Zu diesem Zeitpunkt war Papa schon krank. Allerdings wusste er nicht, was ihn quälte. Ich sah ihn selten, hörte nur das, was meine Mama wusste oder bereit war mir zu erzählen. Meine neue Liebe und Partnerschaft, mein herausforderndes Leben in Kiel, die Trennung von all meinen Lieben beschäftigte mich sehr. Ich selbst hatte massive Steine zu bewegen, meinen Weg zu mir zu finden. So ging Papa etwas unter. Wenn, war mir meine Mama wichtiger. Diese Beziehung zu pflegen, blieb ja auch stets eine Herausforderung für mich als sehr emotionaler Mensch. Das gehört jedoch nicht hier hin. Unser Leben in der Familie bliebe wahrscheinlich jahrelang so. Jedoch, das Schicksal wollte es anders – Anfang des Jahres 2019 stand für Papa plötzlich die Diagnose ALS im Raum – amyotrophe Lateralsklerose, eine nicht heilbare degenerative Erkrankung des motorischen Nervensystems. So steht es zu lesen. Was in ihm vorging, weiß ich bis heute nicht. Er ließ nichts bekannt geben. Meine Mama erzählte mir, was sie wusste. Ich wiederum gab es an meine Kinder weiter. Das war alles. Es gab nur diese drei Buchstaben ALS – dann nichts weiter.

Einige Woche benötigte ich, um meine Gedanken zu bändigen. Mein Vater würde bald sterben, soviel stand fest. Wahrscheinlich hatte er noch zwei, drei Jahre, so dachte ich. Sollte ich es zulassen, ihn sterben zu sehen und damit unser Kapitel schließen. Einfach so? Klappe zu, Affe tot? Der Gedanke war da. Mir krampfte sich dabei das Herz zusammen. Stattdessen wollte ich an ihm rütteln und ihm ins Gesicht sagen– lass uns reden, lass uns einen Weg finden Abschied zu nehmen! Ich möchte Dich lieb haben können, kannst Du es auch? Meine Sehsucht nach Aufarbeitung, nach liebenden Worten war so unfassbar, unbeschreiblich groß. Mit nichts ist dieser Wunsch beschreibbar. Mein Papa hätte meinen Sehnsüchten nicht nachkommen können, er hätte mich nicht verstanden. Da die Angst, auf Unverständnis zu stoßen, groß war, entschied ich mich für einen anderen Weg. Briefpapier und Stift nahm ich zur Hand und begann ihm zu schreiben. Was mir so einfiel brachte ich auf Papier. Dabei erzählte ich von meiner baldigen, neuen Wohnung in Kiel, schrieb von Träumen und Wünschen. Mit diesen Zeilen wollte ich ihm meine Hand reichen, ihm zeigen, dass er mir wichtig war.

Er nahm meine Hand an. Mit einer Handschrift, die durch die Krankheit bereits gezeichnet war, schrieb er zurück. Mit seiner ganz eigenen Art von Humor zeichnete er ein Bild von sich. Tatsächlich schrieb er auch von Träumen, auf seine spezielle Art und Weise. Von da an hatte ich das Gefühl, er öffnete sich. Mein Herz tat es. Sein handsigniertes Ansichtskarten-Buch, zu meinem Geburtstag, hatte mich zum ersten Mal wirklich berührt. Es wurden insgesamt nur drei Korrespondenzen zwischen uns geschrieben. Dann verstarb mein Papa für mich vollkommen unerwartet, obwohl er bei unserem letzten Wiedersehen schon sehr gezeichnet war. Ich glaube weder er, noch wir, die Familie konnte und wollte glauben, dass seine Zeit gekommen war. Warum nur jetzt schon!? Wir waren nicht weit genug gekommen! Unsere Annäherung war so frisch und jung, unvollkommen. Ich war noch nicht bereit gewesen! Nein, nein, nein! Trotzdem muss ich nun loslassen und kann es so schwer …

Meinen Papa liebe ich und habe ihm verziehen, kein besonders guter Vater gewesen zu sein, schließlich habe ich als Mutter auch x Fehler gemacht, bin weiser geworden. Als Mensch seiner Zeit erhielt Papa seine Prägung, seine Gene haben ihm zu dem gemacht, was er war. Meine Kindheit als seine Tochter war stets spannungsgeladen. Meine Sehnsucht nach Anerkennung, nach Liebe konnte er weder erkennen noch stillen. Dieses Gefühl der Leere wird bleiben. Es liegt an mir, meinem Leben selbst die Erfüllung zu geben, um glücklich zu sein.

In der Nacht seines Todes bleibe ich an der Seite meiner Mama. Kurz vor Mitternacht wird Papa abgeholt, wir haben zuvor an seinem Bett gesessen und über und mit ihm geredet. Der Abschied fällt in dem Moment leicht. Wir sind beide furchtbar müde, gar erschöpft. Alle anderen Familienmitglieder konnten in Ruhe Abschied nehmen, meiner Mama in der Todesstunde ihres Mannes bestehen. Nun dürfen alle ruhen oder müssen gar arbeiten. Der nächste Tag bricht bald an, das Leben geht weiter. In dieser Nacht ist alles ruhig um mich, als ich im Gästebett liege und in die Dunkelheit schaue. Ich schließe meine Augen und zum ersten Mal in meinem Leben streichelt mir mein Papa über den Kopf und gibt mir liebevoll einen Gute-Nacht-Kuss. Dann verwandelt er sich, legt sich als mein guter Geist, in Form eines Wolfs vor mein Bett und bleibt von da an bei mir, wann immer ich an ihn denke …

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