Meine Beine laufen langsam, mit kleinen Tippelschritten den Teufelsberg empor. Nur nicht zu schnell hier hoch. Meine Kraft muss ich mir einteilen. Der Weg zum Gipfel des nächsten Berges, dem Drachenfliegerberg, ist es weit. Also, für Berliner Verhältnisse. Neben mir schnaufen bereits die ersten Teilnehmer des Events, an dessen Ende es zur Belohnung einen Pfannkuchen gibt – ich bin zu Gast beim Berliner Silvesterlauf.

Wie kommt eine Neu-Kielerin wie ich dazu in Berlin am Silvestertag zu laufen?

Das ist eine lange Geschichte. Zu lang, um sie hier bis ins letzte Detail zu erörtern. Aber ich versuche es in Kurzform und beginne dabei am besten mit einem kleinen Jahresrückblick. Das passt zufällig an Silvester.

Im Frühjahr hatte ich, beruflich bedingt und privat irgendwie passend, meinen Leben nach Kiel verlagert. Meine Familie ließ ich in Berlin zurück. Meine große Liebe blieb weiterhin in Südbaden.

Der Anfang in der Landeshauptstadt von Schleswig-Holstein war hart. Noch nie in meinem Leben war ich allein. Immer, aber wirklich immer, war jemand um mich herum. Entweder meine Eltern, (m)ein Mann oder meine Kinder. Nun war ich tatsächlich auf mich gestellt, auch wenn ich stets Rückendeckung in weiter Ferne hatte. Der Sommer war heiß und sonnig, auch hier im hohen Norden, und mein Leben trotzdem gefühlt kalt und zudem tränenreich. Meine, sich abzeichnenden, Tränensäcke unter den Augen, zementieren diese Phase. Oder resultieren die Falten unter meinen Augen von den Tränen der Jahre zuvor. Ach, was weiß ich denn. Ist auch vollkommen egal.

Kieler Förde Frühjahr 2018

Jedenfalls habe ich es (fast) geschafft anzukommen in meiner neuen Heimat. Der Job läuft gut, Kiel hat mich für sich eingenommen und die Trennung von meinen Lieben habe ich mental halbwegs unter Kontrolle. Eine Wohnung fehlt mir noch zu meinem vollkommenen Glück, und ganz unter uns – noch mein Mann darin wohnend – aber das ist ein anderes Thema …

Meine Butze in Berlin habe ich glücklicherweise auch noch und wie es das Schicksal so wollte – mein Bruder den ich vor einem reichlichen Jahr, zugegeben eher widerwillig aufgenommen hatte, rettet mir nun meinen kleinen Hintern, weil wir uns die Miete teilen. Das nenne ich mal Schwein gehabt! Bis Juni müssen wir beide jedoch raus. Bis dahin habe ich bestimmt eine Bleibe in Kiel und mein Bruder hoffentlich in Berlin.

Drücken wir uns beiden Daumen, wobei es mein Bruder in Berlin definitiv nötiger hat!

Weiter im Jahr …

Kirche in Fahrnau

Nachdem ich ein unvergessliches Weihnachtsfest mit meiner Kleinsten in Südbaden bei meinem Mann erleben durfte, musste meine Tochter wieder zu ihrem Vater. Leider erbarmte er sich nicht, mir auf der Strecke nach Berlin ein Stück entgegen zu kommen. Nun ja, bei manchen Menschen ist die Komfortzone sehr ausgeprägt, der verletzte Stolz ist es vielleicht auch.

Zwischen Südbaden, Berlin und Kiel zu pendeln erfordert Kraft, viel Kraft und Liebe. Aber! Bei aller Liebe zu meinem Mann konnte ich es nicht ertragen, noch einmal für den Silvesterabend 8 Stunden in den Süden zu fahren und danach wieder 9 Stunden nach Kiel. Never!

Astor Film Lounge in Berlin

So bestand notgedrungen die Möglichkeit für ein kurzes Intermezzo in Berlin. Was kann man um die Zeit des Jahreswechsels in Berlin machen? Shoppen oder auf Partys gehen wäre ein Möglichkeit, allerdings nicht für mich. Nicht derzeit. Ins Kino gehen! Ja, das wäre super. Also kaufte ich Karten für die Silvestervorstellung in der Astor Film Lounge und lud meine Freundin ein, mich zu begleiten. Mit dem Film „Das große Rennen rund um die Welt“ gingen wir dem neuen Jahr eher gemütlich, in Loungesesseln sitzend, entgegen – und zuvor?

Zuvor traf ich mich mit meinem bestfriend Mark zum Lauf auf den Teufelsberg, um dieses bewegende, aufregende und unglaubliche Jahr 2018 sportlich zu beschließen. Ja, das passt! Laufen geht immer bei mir.

Deshalb laufe ich just hier auf den Berg entlang, vor mir Mark …

Einlaufen im Momsenstadion

Morgens 7 Uhr hatte ich noch keine Lust, aber „Der frühe Vogel … „ – ihr kennt den Spruch – also wegen des Vogels hatte ich mir selbst in den Po getreten und den letzten Tag des Jahres früh begonnen. Total verschlafen gelang es mir zur Kaffeemaschine vorzudringen, um mich mit der braunen Brühe aus der, in die Jahre gekommene Senseo-Maschine, zu beleben.

Nach drei Tassen trat die gewünschte Wirkung ein. Ein Frühstück aus Vollkorn-Toast mit Honig und nebenbei Christmas-Popsongs sorgten für den letzten Schliff, um zum 9,9 Kilometer Lauf fit zu sein. Frisch und heiter machte ich mich mit Mark auf den Weg in den Westen Berlins. Am Momsenstadion angekommen, kamen bei uns beiden Erinnerungen hoch. Beide hatten wir hier, gemeinsam oder mit anderen, so manchen Laufkurs belegt, um beim Berliner Halbmarathon fit zu sein. Ach ja … das war sooft soooo hart, aber immer erfolgreich.

Nun starteten wir mal wieder gemeinsam bei einem Laufevent. Bevor es soweit war, musste ich jedoch einen Chip für die Zeitmessung leihen, da ich meinen eigenen in Kiel vergessen hatte und bereits am Start stehend, musste ich noch einmal schnell in die Umkleidekabine zurück hasten, weil ich kopfloses Ding, meine Sportuhr vergesse hatte. Herrje!

Gleich gehts los, denke ich. Aber, noch habe ich meine Sportuhr nicht am Handgelenk 😉

Dann endlich konnten wir los. Pünktlich 13 Uhr erfolgte der Startschuss und nach einer gewissen „Feinjustierung“ aller Läufer auf der teilweise schmalen Strecke, begann es locker abwärts zu gehen, in die Ausläufer des Grunewaldes, am Fuße des Teufelberges.

Mark war im Gegensatz zu mir ziemlich untrainiert, da er momentan andere Prioritäten als ich setzte. Er hatte trotzdem zugesagt, mit mir zu laufen. Ich hingegen hatte versprochen, die Strecke mit ihm gemeinsam zu bewältigen. Beide erklommen wir die erste Erhebung. Mark lief voran. Das hätte ich, ehrlich gesagt, nicht gedacht. Respekt. Ich hielt mich mit meiner Kraftanstrengung zurück und konzentrierte mich darauf, sauber auf dem Vorderfuß und hochgezogenen Knie die Herausforderung anzugehen. Meine neuen Trailschuhe bereiteten mir dabei große Freude. Die sauteure Anschaffung zahlt sich immer wieder aus, besonders für solche Pfade. Durch Wald, Matschpfützen und über Wurzelmännchen laufend, geben mir die Schuhe sicheren Halt und trockene Füße. Geile Teile! Das Wetter war auch geil. Bei knapp 6 Grad und nur mäßig bewölktem Himmel kann man von perfektem Laufwetter sprechen, schließlich heizt uns der Anstieg ordentlich ein. Da wird einem von allein warm. Sonne war da nicht von Nöten und auch keine höheren Temperaturen.

Nachdem wir die erste Hürde genommen hatten, klatschten Mark und ich uns ab. Beschwingt liefen wir (also auf jeden Fall ich ;-)) nun wieder talwärts. Vor zwei Jahren war mein Lauf bei diesem Event schwerer. Viel Schwerer. Erstens, weil es streckenweise sehr glatt war und zweitens, weil ich damals oft Alkohol getrunken hatte, aus Liebeskummer. Der dritte Grund, heute hier so logger zu laufen, ist mein Training in den Bergen von Südbaden. Dort geht es immer hoch, runter, hoch und runter …. und um ehrlich zu sein … in Kiel auch … die Strecke zum Nord-Ostsee-Kanal hat es in sich.

Der zweite Anstieg stand an. Die Strecke hatte ich leider nicht im Kopf. Wie lange zog sich der Hügel bis zum Gipfel. Keine Ahnung. An der Strecke gab es auch keine Kilometerangaben. Da ich bei diesen Silvesterlauf nicht nur aus Spaß an der Sache sondern auch aus sportlichem Ehrgeiz am Start war, wollte ich wissen, ob ich Gas geben konnte ohne mich oder Mark hinter mir zu überfordern. Hm, ich entschied mich für moderates Tempo. Mark hatte ich stets im Blick. Um ehrlich zu sein, genoss ich es, vor ihm zu laufen. Ein geiles Gefühl. Ein hart erarbeitetes Gefühl, by the way.  Pfuuuuuh, wir bogen  nach links. Ha! Jetzt erkannte ich die Strecke wieder! Wir waren gleich auf dem Plateau des Drachenfliegerberges! Yes! „Mark, ich schlage vor, ab hier gehen wir. Dann sind wir oben nicht ganz aus der Puste“ sagte ich und begann bereits in den Gehmodus zu wechseln. Keine Ahnung, wie es zeitlich um uns stand, aber ich war fest der Meinung, wir sind schnell genug unterwegs, um kurz zu verschnaufen. Mark war über den Cut nicht böse, glaube ich.

Bergfest mit Sektchen

Noch einige Schritte, dann waren wir oben. Von hier hat man wirklich einen fantastischen Blick auf Berlin. Uns blieb wenig Zeit, diesen Ausblick zu genießen. Es war kühl und etwas zugig. Wir durften nicht auskühlen. Deshalb hurtig zum Stand an dem für uns Läufer Sekt ausgegeben wurde.

Nur ein klitzekleiner Schluck! Mark lehnte einen Schluck kategorisch ab. Okay. Dann trinke ich eben allein. Prost! Das kühle Prickeln beließ ich für zwei, drei Sekunden im Mund, um es dann genüsslich den Schlund hinunter laufen zu lassen. Aaaaah. Lecker.

Zu einem Selfie musste ich Mark nicht überreden. Smile, Lächel, Grins. Mehrere Schüsse hielten diesen Moment für immer fest – Silvester 2018 in Berlin. Jippiiie.

Mit einem leichten, Alkohol bedingtem, Kribbeln in meinem Körper, lief ich vorneweg den Berg hinunter. Mark folgte mir dicht auf den Fersen. Wie vor zwei Jahren mussten wir Läufer, einer Perlenschnur gleich, dem Pfad ins Tal folgen. Ein nebeneinander war unmöglich. Mit kleinen Tippelschritten folgte ich einer jungen Läuferin in knalle buntem Outfit. Mut zur Farbe! Einige Teilnehmer hatten sich verkleidet. Ich sah Schafe, einen Clown, einen Indianer oder einfach bunt angemalte Gesichter. Eigentlich wollte ich mich auch schmücken, zumindest einen Haarreifen mit bunten Schmetterlingen von meiner 8-jährigen Tochter wollte ich auf dem Kopf tragen … und eine pinkfarbene, glitzernde Brille, durch die ich alles rosa sehen konnte – also wie durch die berühmte „Rosabrille“ der Verliebten. Der Haarreifen war aber für meine Tochter gedacht und somit für meinen Kopf zu klein und drückte schrecklich, was nervte. Die Brille auf meiner Nase hielt ich auch nur wenige Minuten aus. Oha – was für ein Sensibelchen ich doch bin. Schrecklich! Schade, denn so lief ich hier vollkommen undekorativ und langweilig herum und bewunderte andere für ihre starken Nerven und ihre Phantasie.

Wie weit wird es noch bis ins Ziel sein? Ob Mark schon am Limit ist oder geht da noch was. Klar, ich hatte versprochen, dass wir zusammen laufen. Mache ich natürlich auch. Schließlich war es versprochen! Die Hummeln in meinem Popo waren allerdings anderer Meinung. Sie drängten mich ein wenig. Klar, die haben ja auch kein Gewissen. Immer wieder schaute ich mich nach Mark um, er war noch da. Gut. Die Matschpassage auf diesem Teil Strecke machte mir so richtig Spaß. Schließlich lief ich mit meinen superduper Trailschuhen. Ja, ich weiß. Die hatte ich bereits erwähnt – aber die sind sooo geil! Ich musste das noch mal loswerden, sorry!

Wir verließen den waldigen Teil der Strecke und bogen rechts auf eine Straße ab. Den Teil kenne ich, denke ich. Ja, bald waren wir im Ziel. Es müssten noch anderthalb Kilometer sein. Es ging nicht anders! Es musste sein! Ich fragte Mark, während ich um ihn herum sprang, ob bei ihm noch was an Tempo und Kraft drin war. In dem Tempo ins Ziel kommen, war seine kurze Antwort. „Ich würde schon mal vorlaufen und mich an die Schlange für die Pfannkuchen anstellen“ antwortete ich verschmitzt lächelnd. „Wäre das okay?“ bohrte ich weiter nach. „Klar kannst du gern machen“ ließ Mark verlauten. Cool! „Danke Mark“ rief ich ihm zu und drehte ihm bereits den Rücken zu, während ich meinen Schritt beschleunigte.

Mit dem Gefühl zu fliegen, „fraß“ ich den Asphalt unter meinen Füßen. Einen Läufer nach dem anderen überholte ich. Dabei fühlte ich mich unverschämt cool und um ehrlich zu sein, auch sexy.

Noch einmal kurz rechts abgebogen, stand das Ziel greifbar nah. Yes! Angekommen!

Kurz hinter der Ziellinie popelte  ich mir den Leihchip vom Schuh und schaute mich kurz nach der Zeitangabe um. Ah, etwas um 1:05 brutto. Cool! Dabei sehe ich schon Mark. Schau an, er ist auch schon da! „Hey, Mark“ rief ich ihm, wild mit den Armen fuchtelnd, zu.

Wir begrüßten uns knuddelnd und verließen zügig den Bereich, um uns in die lange Schlange der Pfannkuchen-Anwärter zu stellen. Dabei lief mir Gitta über den Weg, die Mama eines langjährigen Lauffreundes. Wir hatten uns viele Monate nicht gesehen. Sie wusste nichts von meinem Weggang aus Berlin. In den wenigen Sekunden war es natürlich unmöglich, das Ganze zu erklären. Sie hatte Fragezeichen über dem Kopf, ich aber auch! Hatte ihr Sohn ihr nichts erzählt? Hatte sie mein Buch, was ich ihr geschickt hatte nicht bekommen? Ich konnte ihr nur zurufen, sie möge bitte auf meinen Blog gehen und dort alles nachlesen. Mit einem Luftkuss verabschiedete ich mich. Sie ließ meine Mädels herzlich grüßen, um die sie sich in vielen Jahren rührend gekümmert hatte. Oh, verdammt …

Ich versuchte mich zu sortieren und wand mich Mark zu, der für mich in der Schlange weiter gelaufen war und die Stellung gehalten hatte.

Dann war es so weit. Mir wurde mein wohlverdienter Pfannkuchen überreicht, den ich fürs Erste in der Hand behielt. Mark hingegen biss sogleich beherzt in die Leckerei hinein, während wir in Ruhe zum Stand mit dem warmen Tee hinüber schlenderten, um dort das warme, süße Getränk zu genießen. Krümeltee nach einem Lauf ist so was von lecker!

Meine Belohnung!

Immer noch meinen Pfannkuchen in der Hand haltend ging ich in die Damen-Umkleide. Dort legte ich meinen stolzen Preis liebevoll auf die Bank und zog mich um, immer den Blick auf meine süße Belohnung. Gleich mein Süßer, gleich bist du dran …

Nachdem ich in trocknen Klamotten umgezogen draußen Mark antraf, hielt ich es nicht mehr aus und biss in das dicke Ding.

Hm, köstlich – so ein Pfannkuchen ist echt lecker. Besonders nach einem 9,9 Kilometer Lauf am Nachmittag eines Silvestertages!

Auf Wiedersehen 2018 – auf Wiedersehen Berlin! Willkommen 2019! Packen wir es an!

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